Von Käpt´n Blauzahn, Ameisen und Apple

Datenbasierte Leistungsdiagnostik war einst Kader-Athleten vorbehalten. Durch die zunehmende Verbreitung leistungsfähiger Elektronik im Alltag wird Messen, Steuern und Regeln auch für Privatleute und Hobbysportler interessant. Wenn Jogger, Wochenendbiker und Hobbykicker wissen wollen, was sie drauf haben (und was nicht), hilft ihnen allerlei Spielerei von Sportartikelherstellern dabei. Mittlerweile sind Markt und Technik etwas unübersichtlich geworden, daher heute eine technische Momentaufnahme, mit speziellem Blick auf das neue iPhone 5 von Apple und passender Hardwear zur Herzfrequenzmessung für Läuferinnen und Läufer.



Kurz gesagt
Momentan existieren am Markt unterschiedliche und häufig inkompatible Funksysteme in Sportmessgeräten. Betroffen sind gleichermaßen Sensoren für Brustgurte, Rad- und Laufsensoren. Vorausschauende Smartphone- und Sportartikelhersteller integrieren vermehrt  aktuelle Standards parallel, wie ANT+ und Bluetooth 4 (Smart(phone)/Low Energy). Die Nase vorn hat Wahoo, erstmals mit ihrem neuen Ergometer „KICKR Power Trainer“. Das iPhone 4 und älter kommuniziert per Dongle (Ant+), iPhone 4S wahlweise per Dongle oder Bluetooth, das iPhone 5 (derzeit) rein über Bluetooth. In beiden bluetoothen Fällen muss der Brustgurt die aktuelle Version 4 des drahtlosen Protokolls unterstützen. Sony-Handynutzer freuen sich, da ihr ANT+-kompatibler Brustgurt mit ihrem Xperia-Handy „ab Werk“ funktioniert, ganz ohne Dongle In der Apple-Welt (und im Polar-Kreis) gehört die Zukunft Bluetooth, Garmin setzt sicherlich noch eine Weile auf ANT+. Im Detail:

Bluetooth
Im ursprünglichen  Bluetooth-Standard der 1990er-Jahre hat man noch nicht an die Unterstützung von sportlicher Sensorik gedacht (und vice versa). Geändert hat sich das spätestens mit der Version 4.0, Bluetooth Smart/Low Energy, den das iPhone seit dem Modell 4S beherrscht. Wer seine Herzfrequenz mit einer älteren Version per Smartphone tracken möchte, benötigt ein zusätzliches Dongle, beispielsweise von Wahoo oder Garmin – die Daten laufen hier jedoch nicht über Bluetooth, sondern ANT+ – siehe nächster Abschnitt. Eine der seltenen Ausnahmen: Der Handgelenk-Pulsmesser Scosche MyTrek, dessen Bluetooth-Spezikationen vom Hersteller eigens für eine Abwärtskompatibilität modifiziert wurden.

Die Kosten für einen Adapter lohnen sich nur für diejenigen, die am betroffenen iPhone-Modell der Vorvorgängergeneration festhalten wollen. Das immerhin rund Zwei-Euro-Stück-große Dongle im Dock-Connector kostet je nach Modell 40 bis 80 Euro extra, und vergrößert das Handy beim Tragen. Wohl dem, dessen Armband eine zusätzliche Einfassung oder Aussparung für den überstehenden Adapter hat.

ANT+
Die Funktechnik ANT+ ist ein weit verbreiteter proprietärer Standard eines Zusammenschlusses zahlreicher internationaler Sportartikelhersteller, der ANT+-Allianz. Ein Pluspunkt des Standards sind neben den geringen Lizenz- und Implementierungskosten für die Hersteller der sehr niedrige Stromverbrauch für den Anwender. Knopfzellen versorgen die Sensorik meist monate- bis jahrelang wartungsarm mit Strom. Weiterer Pluspunkt ist die Kreuzkompatibilität unter den verschiedenen Firmen und Adaptern, womit man zum Beispiel einen Garmin-Brustgurt mit einem Wahoo-Empfänger kombinieren kann. Ausnahme ist Adidas, dessen Laufsensor nur seinen eigenen Adapter erkennt. iPhone4 und älter benötigen zum Datenaustausch mit ANT+-kompatiblen Herzfrequenzsensoren, üblicherweise als Brustgurt, ein zusätzliches Dongle, zum Beispiel von Garmin (ca. 40 Euro) oder Wahoo (ca. 80 Euro).

Empfehlenswert ist dabei ausschließlich der Wahoo-Adapter, da Garmin lediglich mit seiner eigenen App kompatibel ist – die aber im Vergleich zu Runkeeper, Runtastic & Co wenig bietet, insbesondere nicht die die akustische Ansage der Herzfrequenzwerte oder Warnungen bei Überschreiten individueller Belastungszonen. Ob und wann es unterstützt wird, dazu schweigt Garmin im offiziellen Support-Forum leider schon seit längerer Zeit.

Aktuell offen ist die Unterstützung des iPhone 5 und dessen neuem „Lightning Port“, der die Bauform des alten Dock-Connectors nach nunmehr neun Jahren modernisiert. Vorteil ist seine flachere Form, magnetische Halterung und die Tatsache, dass der Stecker kein Oben und Unten mehr kennt, man ihn also in jedem Fall direkt richtig herum einsteckt. Nachteil ist die Inkompatibilität mit jeder Form von bisherigem Steckzubehör – und happige Zusatzkosten für Adapter. Garmin und Wahoo wollen neue Modelle der Sensoren entwickeln, geben jedoch noch keine Verfügbarkeit an. Als Alternative bis dahin wird tatsächlich laut über Adapter für den Adapter nachgedacht. Zum Vergleich: Sony integriert in alle Handys der Xperia-Baureihe ANT+ ab Werk, ganz ohne zusätzliche Stecker. Die elegantere und glücklicherweise bereits verfügbare Alternative bei Apple ist das Zusammenspiel mit Herzfrequenz-Gurten, die Bluetooth 4.0 funken.

Polar
Polar ist nicht Mitglied der ANT+-Bundes. Neben neuen Bluetooth 4-kompatiblen und im Bereich von 2,4 Ghz arbeiteten Brustgurten (W.I.N.D.) realisiert die Hardware die Kommunikation bei älteren Modellen im Frequenzbandbereich um 5 Khz. Diese „klassische“ Technik findet sich heutzutage noch in vielen Fitnesstudiogeräten. Wer beides möchte, sollte beim Kauf eines polaren Herzfrequenzgurtes auf ein Hybrid-Modell achten.

Nike+
Seit dem iPhone 3GS ist in allen Apple-Smartphones und –Pods ein Empfänger für den (optionalen) „Footpod“ getauften Sensor eingebaut. Leider ist widerrum der Nike+-kompatible Herzfrequenzmesser weder gegen Geld noch gute Worte davon zu überzeugen, mit der Nike+ GPS-App zusammenzuarbeiten. Hierfür braucht es widerrum einen weiteren Sensor, Nike-eigen, Kostenpunkt rund 20 Euro. Funktioniert nur mit iPods, nicht iPhones. Die Batterie lässt sich weder tausche noch aufladen. Immerhin kooperiert mittlerweile Polar mir Nike, deren „WearLink“-Brustgurte (und nur diese) kompatibel mit dem FootPod und der Nike+ GPS Uhr sind. Diese Lösung ist im Vergleich mit Smartphone, „offenen“ Standards und Apps unterlegen. Der Vergleich ist andererseits etwas unfair, da a) primär für iPods entwickelt und b) schon etwas älter.

Warum nicht einfach eine Pulsuhr?
Meistens laufe ich ohnehin ganz ohne die Messung und Aufzeichnung von Puls, Strecke und Geschwindigkeit. Durch das jahrelange Training hat sich ein gutes Körpergefühl eingestellt, das mir im freien Training oder beim Genusslaufen genügt. Bei gezieltem Training oder beim Wettkampf ist das etwas anderes. Manchmal bin ich einfach neugierig, gerade bei einer neuen Strecke (Distanz, Verlauf) oder nach einer Trainingspause (Angleichung oder Verbesserung der Form). Außerdem höre ich unglaublich gern Musik beim Laufen.

Mit dem Smartphone bleibe ich auch bei längeren Strecken telefonisch erreichbar (Notfall), kann mir Daten ansagen lassen (Distanz, Geschwindigkeit, Pace, Intervalle und Fazit) und gleichzeitig Musik hören. Das ist sehr praktisch. Pulsuhren haben ich durchaus ausprobiert, doch ich empfinde sie am Handgelenk eher als Fremdkörper. Das Innehalten beim Ablesen irritiert. Und für besagte Daten habe ich ja das Smartphone am Arm (oder im Rucksack). Um den Kabelsalat zu reduzieren, kommuniziert das Smartphone im vollen Feldeinsatz via Funk mit Herzfrequenzmesser und Kopfhörern.

Wäre die Sache mit der Musik und den zusätzlichen Kosten nicht, wäre die Pulsuhr definitiv die beste Lösung. GPS und Co. gibt´s es auch hier, wobei der Preis je nach Modell und Display schnell in untere Smartphone-Regionen reicht. Mein Favorit: Eine Garmin 305 (älter) oder 310 XT (neuer), die ich im Freundes- und Bekanntenkreis häufig am Handgelenk sehe. Grundsolide, günstig und gut.

Tipps für Apple-Nutzer
Besitzer eines älteren iPhone3, 3GS und 4 kombinieren einfach ihr Gerät per Wahoo-Dongle mit einem ANT+-kompatiblen Brustgurt (was auf die meisten Gurte zutrifft). Das Garmin-Dongle kann ich aufgrund der eingeschränkten Funktionen und App-Kompatiblität nicht empfehlen, selbst wenn es nur halb so viel kostet.

iPhone4S-Eigner sind bereits in der komfortablen Situation, dass ihre Messung (kompatiblen Brustgurt vorausgesetzt) via Bluetooth 4 gänzlich dongle-frei läuft.

Early Adopter mit iPhone5 brauchen entweder einen (noch nicht verfügbaren) Dongle-Adapter zwischen Lightning-Port (neu) und Dock Connctor (alt) oder gleich ein neues Dongle für den neuen Port (Verfügbarkeitsdatum unklar). Vorausgesetzt, der Brustgurt spricht nur ANT+. Bei Hybrid- oder reinen Bluetooth 4-Gurten erübrigt sich glücklicherweise auch hier der Adapterwahnsinn, da auch das iPhone 5 Bluetooth 4 beherrscht. Erfreulicherweise gilt das auch für alle iPods Touchs ab der 5. Generation (sprich die letzte Generation und aktuelle neben dem iPhone 5). Adapter dürften bei Apple damit bald zum alten Eisen gehören, es sei denn, als Anwender hält man unbedingt am ANT+Brustgurt fest.

Android-, Nokia Symbian und Bada-Nutzer werfen vielleicht einen Blick auf www.sports-tracker.com. Software, Plattform und Hardware (schick: Bluetooth-Heart-Rate-Monitor, der per USB aufladbar ist) sehen spannend aus. Die zusätzlich angebotene Hardware von Polar ist widerrum nicht mit IOS- und Windows-basierten Handys kompatibel. Ersteres verwundert bei der von Nokia initiierten Plattform nicht, letzteres gerade deshalb schon.

Zukünftig bin ich persönlich auch weiterhin meist ganz ohne Messtechnik unterwegs. Und wenn, dann mit iPhone 5 und Bluetooth 4-kompatiblen Brustgurt zur Überwachung und akustischen Ansage der Herzfrequenz, inklusive guter Musik und Runkeeper Pro als App.

(Visited 47 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.