Laufbericht: Grüne Hölle II

Am Wochenende standen 34 Kilometer auf dem Trainingsplan. Am Stück. Wird doch nicht so schlimm sein, die paar Stunden Sport. I wo. Mit dem Auto ist diese Distanz schließlich während eines Wimpernschlags zurückgelegt. Machen wir uns nichts vor: Läufer machen sich manchmal etwas vor.

Es sind vielerlei Situationen vorstellbar, in denen ein Ü30-Lauf zur Tortur wird. Beispielsweise bei bescheidenem Wetter. Oder wenn man verwundet ist. Oder beidem zusammen. Als Läufer hat man gelernt, nicht in den Schmerz hineinzulaufen. Aber wenn man einmal drin ist, will man rauslaufen, die Qual weglaufen, Zähne zusammen und durchlaufen.

Vorab: Der nachfolgende Bericht gliedert sich grob in zwei Teile. Alles bis zum Foto ist Jammerei (wegen Fussball), alles danach der tolle Lauf durch den Urwald (und auch Jammerei). Also. Die RP berichtete jüngst, die ominöse Generation Twitter verlerne das Erzählen. Na, da wollen wir mal gegenhalten:

Sport ist manchmal Mord, mindestens aber Körperverletzung
Wie schwer ich verletzt bin, weiss ich nicht genau. Ehrlich gesagt will ich es auch nicht wissen. Mein Physiotherapeut hält mich vermutlich für bescheuert, jedesmal auf der Massageliege ´ne andere Story, zuletzt Rücken aufgrund Drachenboot. Diesmal Cageball, letzten Mittwoch mit den Kollegen. Hallenfussball auf Kunstrasen, zusammen mit glattem Laufschuhprofil, ist nicht die beste Idee, in der heissen Phase der Marathonvorbereitung. Zweifel waren ja da, wurden aber mit sportlichem Enthusiasmus und dem Glauben an die Unverwundbarkeit gestählter Bänder beiseite gewischt.

Beiseite kniete ich dann auch auf dem Spielfeld, nur zwei Minuten nach Anpfiff. Ohne Feindberührung, dafür mit satten 120 Grad Knickwinkel, zwang es mich nach einer stümperhaften Dribbelei in die Knie. Hielt mir den rechten Fuß, dessen Bänder für einen kurzen Moment in einer nicht dafür vorgesehenen Position mein Körpergewicht trugen. Und es mit hörbarem Knacken und spürbarem Schmerz quittierten, den Dienst versagten, den Löffel abgaben.

Das Gute im Schlechten: Dank eines früheren dreifachen Bänderrisses hat der Fuß rechts per sé mehr Spiel. Dafür steigt die Umknickwahrscheinlichkeit U, doch das Risiko eines erneuten Risses R sinkt. Vermutlich die Rettung, da bereits die Behandlung mit Kühlpads (sofort) und Arnika-Salb-Verbänden (danach) ein regelrechtes regeneratives Wunder beschwor.

Der Abend kam, der Schmerz blieb, den Donnerstag prägten Schonhaltung und Humpelei. Meine Training und insbesondere den langen Lauf am Samstag sah ich beide bereits bauchaufwärts im Bach. Am Donnerstag war immerhin das Pochen weg. Doch der Schmerz beim Auftreten nervt, ebenso die Schonhaltung, die der feine Herr Körper da an den Tag legt, Hüfte und Rücken bedankten sich bereits.

Auferstanden aus Ruine
Zähne zusammenbeißen und auf zum kleinen Spaziergang: Über zwei Kilometern in der Mittagspause war Zeit, der Bewegung und dem Schmerz genau auf die Füße zu schauen. Als Problem war schnell die Schonhaltung identifiziert. Ich wusste: Verharre ich darin, hemmt das Kopf und Genesung. Also Zwang in den natürlichen Bewegungsablauf, auch wenn es zum Slow Walk führt. Die Aufmerksamkeit, die ich meinem Körper schenkte, wurde indes belohnt: Mit jedem Schritt wurde Tempo gewonnen, und schier war spürbar, wie das strapazierte Gewebe besser durchblutet wurde. Am Ende war das Humpeln Geschichte, mein Herz hüpfte – so durfte (und sollte) es gern weitergehen. Ruhe, Salbe, richtiger Tritt – weitere 24 Stunden Intensivprogramm haben sich am Ende gelohnt.

Disfunktionale Streckenpläne
Zwei Tage später fühlte ich mich bereit für den langen Trainingslauf. Frühstück, Strecke planen, Rucksack packen: Der Weg sollte wieder über den (sic) PanoramaRadweg niederbergbahn führen, diesmal volle Länge über Aprath weiter nach Wülfrath. Orientierungslauf mit Karte, Vorbereitung auf zukünftige Bergabenteuer. Abwechslung muss auch schleunigst mal sein, scheinbar macht fortgesetztes Laufen nämlich doof:

Das Aprilwetter dieses Sommers bescherte mir bereits auf den erste Kilometer ein flottes und frisurfeindliches Wechselspiel aus Jacke an / Jacke aus. Nach fünf Kilometern, an der Stadtgrenze zu Wuppertal, fiel mir irgendwann beim Umziehen auf, meinen Rucksack nicht geschultert zu haben. Keine Getränke. Keine Geld. Inakzeptabel. Da Kilometer diesmal keine Rolle spielten, währte der Groll nur kurz. Einfach zurück, und den Rucksack schnappen: Weder schlimm, noch stellt es den Lauf in Frage. Es machte aber eine Anpassung der Route nötig.

Nach kurzer Überlegung stand fest: Das erneute Durchlaufen der Grünen Hölle brächte die beabsichtige Distanz zustande, 10 Kilometer Rucksack-Rückkehr gefolgt von 18 Kilometer über Kohlfurth Burgholz, rauf auf die Wuppertaler Südhöhen.

Brennessel fields forever
Living is easy with eyes closed, misunderstanding all you see / It’s getting hard to be someone but it all works out / It doesn’t matter much to me. Oder anderes gesagt: Brennessel Fields forever.

Am Eingang der grünen Hölle – den östlichen Berghängen von Solingen – weicht überraschend herbstlich das hüfthohe Sommergras einem widerwärtigen Dickicht von Brennnesseln. Bock auf Umweg? Ich nicht. Nicht nach mittlerweile 15 Kilometern. Also einfach durch, das machen die auf DMAX ja meist genauso. Barfuß.

Doch der Dauerregen tat sein Übriges, um das schnelles Vorwärtskommen selbst mit Schuhen zu  vereiteln: Pretty Matsch bot wenig Halt, die Tritte glitschten in  sturzbachgefluteten Lehm leicht aus, mich hielt mehr Glück als Verstand auf den Beinen. Vorsichtig tastete ich mich ins Tal.

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Die Grüne Hölle 2

Als kleine Einleitung dient euch diese Rückschau, 2009 war ich bereits einmal hier. Zu dem Trail-Teil entlang der Wupper weiß ich wenig Neues zu ergänzen. Nicht, weil er erlebnisarm wäre, im Gegenteil. Das muss man einfach selbst erleben. In absoluter Einsamkeit geht man zwangsläufig eine Symbiose mit der Natur ein, mit Baum und Borke auf Du und Du, nicht zuletzt wegen des extrem engen und beidseitig hoch bewachsenen und satt schmatzenden, verschlammten Pfades. Widerrum vermutlich der Grund für die Abgeschiedenheit. Oder liegt es daran, dass der Weg überraschend an einem Zaun endet, Ansage „Privatgrundstück – Betreten verboten“, und man plötzlich quer zum 80° steilen Hang kraxelt, durch dornenbewehrtes Brombeergebüsch?

Erreicht man nach kilometerlanger Kohlfurth nordwärts das Friedenstal, ist zumindest das Blattwerk bewältigt, man selbst aber noch lange nicht über den Berg: Der Aufstieg durch´s Burgholz wartet, rund 300 Höhenmeter wahlweise über sanft gekurvte Waldwege oder in gerader Linie, Diretissima. Egal, welchen Weg man wählt: Jetzt das Atmen nicht vergessen! Wer kann, atmet jetzt mit dem Mund, der Nase, den Ohren, den Armen, den Füßen. Alles muss mitatmen. Oder man geht einfach ein bisschen bergauf. Oder beides. Immer auf der Hut rasenden MTBlern, man kennt das Pack ja von den Orientierungsfahrten im Unterholz.

Verdächtig schnell erspähte ich nach rund 30 Minuten auf der Kuppe zwischen den Baumstämmen Häuser. Während ich den Wald verließ, und in ausgezeichneter Wohnlage einen ziemlichen armseligen Trab auf den Asphalt legte, fragte ich mich fortwährend, wo ich sei. Meinem Körper war das schon klarer: Am Ende. Was nicht am Fuß lag, sondern dem niedrigen Energielevel (trotz Frühstück) und einer Laufzeit von nunmehr 2,5 Stunden. Genaugenommen läuft heutzutage jedes Handy länger. Genauso am Ende wie ich: Längen- und Breitegrad. Statt der Sambatrasse empfing mich der südlichste Zipfel von Cronenberg. Einfach super, noch jede Menge Kilometer bis zum Ziel vor mir zu wissen. Mit Freude schlurfte ich den letzten Abschnitt über diesen Weg, der kein leichter war. Als Sahnehäubchen öffnete der  Himmel nochmal kurz seine Schleusen, erfrischte mit Sturm und sattem Platzregen.

Over and out
Auch der längste Lauf ist irgendwann vorbei. Es gibt Menschen, die meinen, Läufer bezogen ein Großteil ihres Glücks aus der Tatsache, daß Anstrengungen und Qual am Ende eben genau das ist: zu Ende. Für den Moment unmittelbar nach einem solchen Lauf ist da was dran.

Fasziniert kann man der Unwilligkeit von Körper und Geist hinsichtlich Anstrengungen aller Art zugucken: Jeder Gedanke, jedes Wort, jede Bewegung ist zuviel. Doch dank kleinem Kohlenhydrate-Snack ging´s schnell besser. Am Abend reichte es wieder fürs Einkaufen und ein Abendmahl aus köstlichen Pfifferlingen, Filets und Klößen – Labsal für die aufgebrauchten Reserven. Tausende Extrakalorien verlangen ihren Tribut.

Zu guter Letzt regiert die Freude, dass der Fuß so gut mitgespielt hat. Ehrlich gesagt bin ich erleichtert, wähnte ich das Training schon in größerer Gefahr. Noch am heutigen Montag spüre ich bei Dehnübungen die überdehnten Bänder ächzen. Es steht auch direkt wieder ein kleines Tempotraining an, zum Dank und aus Vorsicht bin ich nachsichtig mit meinem Körper, laufe 10 Kilometer im wechselnden Tempo zum Wellnesstempel, abendliches Wohlfühlprogramm inklusive.

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