Laufbericht Venloop Halve Marathon 2012

Was für ein schöner Sonntag! Last-minute-Startnummer (35194, dank Roman und Markus) und ein Flug in die Sonne: War das whow! Venlo gilt als Klein-New-York, wegen Stimmung, Publikum und Orga. Die neuen persönlichen HM-Bestzeit von 01:47:21 (von 01:51) liegt im oberen Mittelfeld der 5.449 Finisher. Zwischenzeiten bei 24:54 min (5 km), 49:59 (10 km), 1:15:54 (15 km), recht saubere Pace von 05:05 min/km. Sonne satt bei 21 Grad, die streckenweise Kopf und Körper zum Glühen brachten. Mit Brooks TriSuit (Test folgt) kühles Singlet und pure Einheit von Top und Tight, Brooks Ghost4 gruselig gut am Fuß. Reihenweise feiernde Jubel-Holländer in unvergesslicher Kulisse. Zum ausführlichen Bericht…
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.24 Stunden später verebben langsam die Endorphine, die Beine sind geflutet mit Schwere und (leichtem) Schmerz. Zeit für Erholung und einen Bericht, auch wenn „pas pro toto“ wieder ein Teil für das Ganze steht. Alles absolut subjektiv, nur ein ein Ausschnitt aus einem ganzen Tag eindrucksvoller Erlebnisse, hinsichtlich deren Großartigkeit der Kopf schon fast auf Durchzug schaltete. Eindrücke im Überfluss, hart am Maximum.

Last-minute-Startnummer
2012 startete der damit noch recht junge Venloop zum siebten Mal. In den Vorjahren besuchten oder beliefen ihn bereits viele Läufer unserer kleinen Truppe, selbst fand ich noch nicht den Weg. In diesem Jahr sollte sich das ändern, allerdings verpasste ich den recht frühen Anmeldeschluss Anfang Januar, Kopf und Beine waren in Egmond aan Zee.. Weil der Venloop sehr beliebt ist, gibt´s im Nachgang meist viel Nachfrage nach den Startnummern, für die Veranstalter interessanterweise keine Umschreibemöglichkeit kennt.

Twitter als Faustkeil der Informationsgesellschaft
Ergo ist es nicht ganz leicht, nachträglich noch an eine Startnummer zu kommen. eBay? Fehlanzeige. Foren? Gesuche und Gebote meist nicht geduldet, und wenn, dann blitzschnell weg. Twitter half. Twitter avancierte damit für mich endgültig zum Faustkeil der Informationsgesellschaft. Vielleicht ist der Vergleich angesichts dieser aktuellen Personalie auch gar nicht mal so weit hergeholt. Kurznachrichtendienst sei dank konnte ich mit meinem Alter Ego Roman und Startnummer 35194 ins Rennen gehen, übergeben vor Ort vom Depotrunner und Venloer Vereinssportler Markus, erfahrener Venlooper mit unfassbarer 1:17er Bestzeit auf der Halbmarathondistanz. Markus erinnerte mich damit auch sehr an Jan Fitschen, ergo war ich bei dem Deal auf offener Straße unmittelbar vor dem Start veritabel verhalten und partiell erstarrt in Ehrfurcht.

Club? Disco? Start!
Der Startbereich in Venlo ist großzügig geschnitten. Gilt zumindest für die weitläufige Wiese parallel zur Startgasse. Centralpark auf holländisch. Ideale Voraussetzungen, um sich noch ein wenig warmzulaufen, auch wenn Warmlaufen bei 21 Grad Außentemparatur je nach Trainermeinung nicht wirklich notwendig ist. Letztlich komme ich damit nur Bedürfnis meines Körpers nach rythmischer Bewegung nach, angesichts, oder besser, angehörs der elektronischen Tanzmusik, die den Startbereich in eine sonnige Freiluftdisco verwandelt. Glücklicherweise bin ich dank der Podcasts von Joachim Garraud sprichwörtlich stets auf dem Laufenden in Sachen Elektro. Was da an kreischenden und verzerrten Beats beim Warm-up wummerte, verzückte. Ich bedaure ja bis heute den Fehler unserer Tonregie beim Firmenlauf, trotz mehrmaliger Anweisung unmittelbar vor dem Start NICHT Fluch der Karibik OST und Eye in the Sky von Alan Parsons Project zu spielen, sondern Deadmau5. Gut, das hatte ich ihnen auch gegeben, für die off-air-Zeiten außerhalb der Radioübertragen. Ansprache vom OB waren jedoch mit diesem Soundbett eine Klasse für sich. In Venlo gab´s dann noch die niederländische Nationalhymne a capella, bunte Konfettikanonaden, stahlblauen Himmel, und ohrenbetäubende Electrobeats. My ass, wie Oma immer sagte.

01:45 – 02:00
Sinneseindrücke im Überfluss, der Kopf schaltet da das erste Mal ein bisschen auf Durchzug: Das ist fast schon ZU perfekt. Es stimmt einfach alles, Bild, Ton, Körpergefühl, und die langsam voranschreitenden Läuferinnen und Läufer (für Leser ohne Großwettkampferfahrung: Es dauert ein paar Minuten, bis man vom Startblock aus gehend die Startlinie überquert). In der Masse fühlt man sich schon fast geborgen, die Menschen vereint in ihrem Anliegen und der spür- und sichtbaren Konzentration auf die Anstrengungen, die vor uns allen liegen. Das Feld ist außerordentlich dicht gedrängt, der Startkanal schmal. Gut sichtbare Einteilungen nach ungefähren Zielzeiten, ich habe mich in den letzten 15 Minuten vor dem Start noch langsam von der Seite eingereiht in den 01:45-02:00h Startblock. Laufgott Mark und seine weiße, kenianische Begleitung habe ich leider aus den Augen verloren, sie wären ideale Hasen für das Ziel 01:45 gewesen. Für Mark ein lockerer Lauf. Etwas anstrengender waren da letztens seine 5 Kilometer in 18 Minuten. Entspannt dafür seine Runden mit dem Babyjogger, er ist frischgebackener Papa. 10 Kilometer um den See in 40 Minuten. Ihr wisst, was ich meine. Da schmunzeln jetzt nur noch ganz Abgebrühte. Ich nenne Mark nicht umsonst so. Kommt er ins Büro, angel ich wie ein Bär nach dem Honig. Nur dass es im Gespräch um nicht um natürliche Leckereien geht, sondern das Geheimnis seines Erfolgs. 01:32, und Spaß dabei.

Stategisch, taktisch, operativ
Mangels Hase blieb also nur die halbwegs erfolgversprechende Strategie, zu Beginn vielleicht schon etwas schneller zu laufen, um Mark einzuholen. Tendenziell schneller. Man kann viel falsch machen, wenn man es ZU schnell angehen lässt. Energieökonomisch ist das ganz schlecht. Man könnte vielleicht meinen, dass man das Tempo später halt einfach wieder nur herschenkt, und dann alles gut sei. Pustekuchen! Der feine Herr Körper reagiert da ganz schnell eingeschnappt, am Ende zahlt man ihm das doppelt und dreifach zurück. Herr Körper und sein Kumpel Herz-Kreislauf haben´s gern gleichmäßig im Rennen. Gut, wenn man sich also vorher ausgerechnet hat, wie lange so ein Kilometer Laufen dauern darf, um am Ende bei 1 Stunde und 45 Minuten rauszukommen. Was keine berühmte Zeit ist, Siegertypen und Spitzensportler laufen sowas in knapp über einer Stunde, zu Beginn vor einigen Jahren lag ich knapp über 2 Stunden, Bestzeit bislang 01:51 Stunden. Jede Minute weniger braucht proportional und gefühlt mehr Aufwand, bessere Tagesform und glücklichere Rahmenbedingungen. Vielleicht auch weniger Jahre, weniger Gewicht, mehr Qual und Wille zum Sieg, Belastungs- und Schmerztoleranz. Ihr merkt schon, ganz schön viele Variablen, mit denen man sich schlechte/durchschnittliche/gute/hervoragende Form und Ergebnisse zurechtreden kann.

Am Ende ist einfach die Frage: Welches Tempo pro Kilometer, das noch dazu über gut 21 Kilometer gleichmäßig durchhaltbar scheint? Ich habe mich für 5 Minuten entschieden. Probiert das mal aus, zweieinhalb Runden auf dem Sportplatz in fünf Minuten. 5:51 min war der Schnitt in Sylt, doch das waren ja auch 33 kalte Kilometer. Die Analyse des dortigen Rennverlaufs ließ auf einen gut trainierten Fettstoffwechsel schließen, den ich in Venlo folgerichtig mal so richtig an die Arbeit stellen wollte. Ihr wisst schon, diese Auswertungen der muskulären, stoffwechseltechnischen Verbrennungsprozesse im Körper. Herzfrequenzkurvenbasisgrafiken, also Kurven mit Zacken, die zeigen „Ja! Das Herz schlägt!“. Beim Laufen ist mal also am Leben. Auch wenn man da manchmal nicht mehr sicher ist.

Im Rennen klappt das konstant hohe Tempo gut. Von Anfang an überhole ich andere Läufer. Wundere mich, was sich alles so in Startblock des oberen Mittelfeldes stellt. Oder die Leute lassen ihre Ambitionen schon auf den ersten Kilometern fallen, trotten vor sich hin. Oder laufen sich erstmal ein bisschen warm. Oder langsam Kette. Whatever, da muss man einfach durch.  Zugegeben, die Sonne knallte schon ganz schön. Doch diese unfassbaren ersten Kilometer durch das Herz von Venlo berauschen, man sieht die Menschen in Vierer- und Fünferreihen rechts und links der Straße stehen, aud Tribünen, immer wieder Bands, alles geschmückt mit Luftballons und Wimpeln, ein Rausch aus Rot, Orange und Blau. Die Jubelei irritiert schon fast ein wenig, ich kann die Begeisterung gar nicht mehr richtig adressieren und verorten. Beklatschen die etwa mich? Wohl eher die Läufer vor oder hinter mir. Ich kann unmöglich gemeint sein. Ich bin nur zufällig hier. Überdosis. Wie in einem Traum.

Sonne & Strecke, Wasser & Wille
Der Rundkurs in Venlo hat es trotz seines pfeilschnellen, vorauseilenden Rufes streckenweise in sich. Wir queren zweimal die Maas, die Anstiege auf die Brücken bringen dann doch einige dutzend Höhenmeter. Tempoverluste im Anstieg lassen sich NICHT im anschließenden Gefälle wettmachen, der Glaube daran ist indes weit verbreitet. Jeder Anstieg ist deshalb mit der Zeit im Nacken ein Stressor. Und willkommene Gelegenheit, ein paar Plätze gutzumachen: Ab Kilometer 13 nehme ich diese zusätzliche Motivation gern bewusst wahr, um das Tempo hoch zu halten. Die Pace beträgt bis dahin genau 5 Minuten, eine Reserve bleibt für die zweite Hälfte nicht. Selbst wenn, wäre das die falsche Denkweise.

An der Strecke immer wieder feiernde, ach was, ausrastende Zuschauer, trompetende Kapellen und DJs. Da die Bands und Kapellen sich eher auf traditionelles Liedgut konzentrieren, konzentriere ich mich wieder auf Deichkind im iPhone. So laut, dass es antreibt, und so leise, dass ich meine Umgebung noch wahrnehme. Ein Kompromiss, der über weite Strecken ein Crescendo zur Folge hat, und den traumartigen Eindruck noch verstärkte. Einfach alles war intensiv: Die Anstrengung, Hitze, Soundkulisse, Menschenmassen und das kühle Nass:

Angesichts des bombigen Wetters war der Abstand von gefühlt jeweils rund 5 Kilometern der Verpflegungsstationen etwas zu lang. Auf den ersten 10 Kilometern hat das vielen Teilnehmer sicher übermäßig viel Kraft abverlangt, die fehlende Abkühlung den Puls hochgetrieben und letztlich die Geschwindigkeit verringert. In der zweiten Hälfte wurde das Angebot besser, nicht zuletzt wegen des Engagements vieler Anwohner und Besucher: Gartenschlauch-Duschen wie in Düsseldorf- Himmelgeist! Wilde Wasserstationen, was für ein Glück. Bei so einem Wetter ist jede Erfrischung willkommen, natürlich schüttet man sich auch gleich einen Extrabecher über Kopf und Körper. Wer das noch nicht mitgemacht hat: Nicht schüchtern sein! Tut wahnsinnig gut, kühlt und bringt euch anschließend spürbar vorran.

Nussschale des Nachlassens im Meer der Menschen
Ab Kilometer 16 musste ich dann doch beissen. Die Pace sank seit der Hälfte des Rennens. Nur um wenige Sekunden, doch gerechnet auf 20 Kilometer werden da schnell einige Minuten draus. „Einige Minuten“ ist in diesem Fall das Zünglein an der Waage zwischen den Zeiten bisher und einer neuen Bestzeit. Gewonnen wird so einen Rennen werder am Anfang noch in der ersten Hälfte. Sondern auf der Gesamtdistanz und besonders den letzten Kilometern: Wenn das Tempo hochgehalten wird, und der Wille den Kampf gegen den Schweinehund besiegt. Sonst wäre doch aller Anstrengung bisher vergebens, die Freude im Ziel verschenkt an die Entspannung im Moment des Schwäche und des Nachlassens. Das darf nicht sein, denke ich, ich bin doch so nah dran! Und über diese Gedanken hinweg vergehen die Kilometer, bunte Banner zählen die Meter rückwärts, noch 3.000, 2.200, plötzlich auf Kilometer 20, die Strecke wird enger, das Tempo der Mitläufer beflügelt, bereit, die letzten Reserven zu verbrennen, bereit für den finalen Teil mitten durch die Innenstadt, dem Meer aus Menschen,Fahnen, Sonne, Jubel.

Das Ziel liegt vor Ihnen
Noch 500 Meter, wie biegen ein in die Innenstadt von Venlo. Vor uns verengt sich der Weg weiter, eine Traube Rettungshelfer schirmt einen Läufer ab, der so kurz vor dem Ziel zusammengebrochen ist. Die Gedanken sind bei ihm. Versorgung und Steuerung des Feldes vorbildlich. 400 Meter, Schilder am Rand zählen in Hunderterschritten herunter. Letzte Reserven mobilisieren, Läufer überholen, doch die Batterien sind fast leer, außerdem scheint der Weg noch so lang, Kraft für den Schlusssprint sparen. 300 Meter, wie furchtbar anstrengend, und dann auch noch eine leichte Steigung, hier sind wir schon einmal hergelaufen, nimmt das denn kein Ende? Die 200 fliegt vorbei, 100, 75 – und ein letzter Sprint. Video folgt…

Im Ziel, im Paradies
Abrupt endet der Lauf im Ziel. Ich bin irgendwie überrascht. Ganz schön paradox, diese Überraschung, denke ich mir da in meinem anstrengungsbedingt belämmerten Kopf. Irritiert und mit wenig Lust an klaren Gedanken wanke ich in Richtung Medaillen, gefolgt von einem vorbildlich sequentiellen Verpflegungsbereich, in dem mich strahlende Helfer mit Wasser, Bananen und eiskalten Energydrinks beglücken. Ich muss im Paradies sein! Glücklich benommen gehe ich weiter, registriere, dass ich friere, setze mich in die Sonne und genieße diese besondere Stimmmung auf der Wiese, fotografiere und twittere die Medaille und das freudige Ergebnis. Einfach ein vollkommener und erfüllter Moment, eine seltene und flüchtige Kostbarkeit, immer unmittelbar nach einem Lauf. Wenige Minuten wie aus einer anderen Welt. Ganz sicher einer der Gründe, weshalb Wettkämpfe glücklich machen.

Zum Abschluss finden wir uns alle langsam wieder, tauschen unsere Erfahrungen und Ergebnisse aus. Lösen uns langsam vom Ort, treten die Rückreise an, und sind uns einig: Venlo verdient seinen legendären Ruf. Die Marathons in Berlin oder Köln kenne ich aus eigener Erfahrung, an neuralgischen Punkten sind sie ansatzweise mit Venlo vergleichbar. Die Holländer bieten eine noch stärkere Wucht, noch dazu durch den Rundkurs mit zweimaligen Passieren der Hotspots häufiger. Das Setting variiert allerdings etwas, statt deutscher Großstädte mit extremen Schauwert bietet der Venloop holländische Be- und Überschaulichkeit.

Apropos Holland, da habe ich heute von der netten Mieke eine fantastische Nachricht von offizieller Seite bekommen. Bald mehr…

(Im Laufe der Woche folgen weitere Bilder und Links)

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