Syltlauf: Experiment Jugendherberge

In Teil 1 berichte ich euch über die Insel, das Feriendomizil in Form einer Jugendherberge, und menschliche, mehrbettzimmerbedingte Begegnungen mit Sportlern aller Art. In Teil 2 dann die Erlebnisse rund um den Lauf, der über 33,333 Kilometer vertikal von Süd nach Nord über die ganze Insel führt.


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Sylt bewegt

Solange man sich bewegt, lebt man„. Was schon Aristoteles erkannt hat. Er meinte damals auch, alles bewege sich, außer Gott. Und glaubte, jede Bewegung bedürfe eines Anstoßes. Folglich müsse jemand existieren, der die erste Bewegung verursacht hat. Ein unbewegter Beweger.

Die Relavitität dessen beweist der Syltlauf. In seiner 31. Auflage vermutlich fast so alt wie Gott, brachte den Anstoß wahrlich kein unbewegter Mensch. Sondern die liebe Sina, ihres Zeichens Läuferin (und Journalistin) vor dem Herrn. Aufgrund eines hoffentlich nur temporären Knieproblems konnte ich für sie einspringen, zum Lauf über 33,333 Kilometer auf Deutschlands beliebtester, nördlichster und größter Insel:

Sylt ist knapp 40 Kilometer lang, und an ihrer breitesten Stelle 12,5 Kilometer, an der schmalsten lediglich 600 Meter. Die Entfernung zum Festland beträgt je nach Standort zwischen 8 und 27,5 Kilometer. Die höchste Erhebung liegt mit der 52,5 Meter hohen Uwe-Düne bei Kampen. Seit 1927 ist Sylt durch den 11 Kilometer langen Hindenburgdamm mit dem Festland verbunden. Die Insel zählt circa 55.000 Gästebetten und 12.000 Strandkörbe, jährlich bereisen rund 650.000 Gäste die Insel.

Wenn der Mensch reist, verlässt er die gewohnte Welt. Was Risiken mit sich bringt: Enge und Gedränge, fremde Menschen, überteuerte Getränke, gierige Hoteliers. Eine Reise ist oft auch eine Metapher für das Sein an sich. Sie kann Freude machen, muss aber nicht. Ja, viele Menschen reisen vor sich selbst weg. Zigeunern sich durch den Urlaub. Um dann im Feriendomizil irritiert festzustellen, sich weiterhin komplett im Gepäck zu haben. Womit klar wird, dass man seine Umgebung austauschen kann, dummerweise aber nicht sich selbst. Als Läufer hat man damit grundsätzlich wenig Probleme.Egal wie lang der Lauf ist, hinterher ist man immer noch da. Bei Rundkursen noch nicht mal woanders, sondern dort, wo man losgelaufen ist.

Bei einer Reise nach Sylt ist der Kontrast zwischen Eigenwelt und Fremdwelt spürbar größer als zum Beispiel in Marienheide oder Mettmann. Das Fischbrötchen bei Gosch lasse ich mir ja gerne noch schmecken. Doch die Showrooms und Sales Associtates von Louis Vuitton, Gerry Weber, Tommy Hilfiger oder Hugo Boss kann ich nur belächeln, schon alleine wegen der Preise. Lieber linse ich ´rüber zur Dependance von Camel Active und X-Bionic (mit 40% Syltlaufrabatt). Am Ende laufe ich dann doch ganz ohne Einkäufe kilometerweit durch die Dünen und am Strand entlang, zurück ins Urlaubsdomizil:

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Das Experiment „Jugendherberge

Bei der Wahl der Unterkunft ließ ich mich auch eher von Selters als von Sekt inspirieren. Einfach mal ausprobieren, wie das so ist, im sechser Mehrbettzimmer einer Jugendherberge. Man liest ja so viel darüber, über ihren familiären Wandel und Öffnung für alle. Fast könnte man meinen, es ginge nicht um DJH, sondern DDR.

Sylt verfügt über drei Jugendherbergen. Die Wahl „Westerland“ hatte nicht nur damit zutun, dass die Ärzte den Ort früher so häufig und mit positiver Konnotation besungen haben. Westerland liegt taktisch günstig, in der Mitte der Insel, direkt an der Westküste. Kurz zur Orientierung: Hörnum markiert den Südzipfel, List den Nordzipel, Kampen (teuerstes Pflaster mit höchster VIP-Dichte) im Nordosten, Wennigstedt darunter. Keitum und Morsum mittig Richtung Festland und Hindenburgdamm. Weiterer USP der westerländer DHV-Dependance: Baujahr 2004. Die beiden Alternativen im Norden und Süden der Insel sind ehemalige Bundeswehrkasernen. Heizung nur im Winter und so. Bei mir sahs dafür schon fast ein bisschen nach Sansibar aus.

Anfang März ist noch volle Lotte off-season sprich freie Auswahl beim Bettenangebot. Die günstigste Variante ist besagtes Mehrbettzimmer, Unterschied zum Einzelzimmer schmale 10 Euro. Wer es gern garantiert schnarchfrei haben möchte, wählt also das etwas teuere Gästezimmer. Dann entgehen einem aber schnell interessante Begegnungen mit netten Menschen. Eine irische Weisheit sagt: „There are no strangers – only friends we haven´t met yet„. Und das würde ich jetzt mal auf sämtliche Begegnungen in der kurzen Zeit beziehen, die ausnahmslos interessant und lehrreich waren,in allen Fällen nachhaltig memorabel. Faszinierend ist auch, wie das enge Zusammenrücken die Menschen verändert. EIn bisschen wie in einem Aufzug. Nur mit Bett und Kleiderschrank.

Infrastrukturell hat in der Jugendherberge auch nichts gefehlt, Duschen zweckmäßig, Früchstück ohne jede Überraschung – no frills. Beim Komfort darf man sie nicht mit einem Hotel verwechseln: Etagenbett selbst beziehen, sanitäte Anlagen erreichbar quer über den Flur, Frühstücksgeschirr eigenständig abräumen und einsortieren, Kehrblech und Besen beim Auschecken, naja, bei der Schlüsselrückgabe. Ältere Erwachsene bekommen sogar einen Extraschlüssel, um nach 20 Uhr raus und rein zu können. So muss sich also ein Betreuungslehrer fühlen.

Atmosphärisch analog Shining (inklusive plötzlich auf dem Flur auftauchende Hasen). Anfang März wirkt so ein großes Haus verwaist, beherbergt höchstens mal eine Insulaner-Familie samt Haustieren. Schwermütig sollte man nicht sein, um die gleichzeitige Abgeschiedenheit mitten in den Dünen, direkt am Strand, bei tagelanger Bewölkung zu verwinden (die Fotos täuschen etwas, sonnig war´s ausschliesslich am Abend des Anreisetages). Doch wozu ist man Läufer? Mit dem Strand direkt vor der Haustüre ist einfach alles schön.

Mitten in den Dünen, perfekt für Schulklassen und Jugendgruppen, die im Sommer auch auf dem Zeltplatz ihr Lager(feuer) aufschlagen können. Eigene Klassenfahrtserinnerungen könnnen da bei weitem nicht mithalten. Andererseits müssen die Schüler just in dieser Sekunde wohl die Schulbank drücken, während ich die Zugfahrt, den Slytlauf und die herbe Vorsaison genieße. Also!

Reisen schafft Begegnung
Da war zum Beispiel Lothar. Erster Eindruck: Mix aus Horst Seehofer und Wowi, dafür bereits 72 Marathons in den Beinen. Ein Genußläufer wie er im Buche steht, läuferisch zu Hause in der ganzen Welt. Besonders angetan hat es ihm Polen,über das kein Klischee wahr sei. Die Profitorientierung der Sportindustrie im Allgemeinen und den vereinzelten Hedonismus von Freizeitläufern im Besonderen hat er durchschaut, und trägt, nun ja, eine gewisse Distanz dazu in sich. Er läuft, weil es ihm einfach Spaß macht. Punkt. So viel Gelassenheit und Erfahrung imponiert mir.

Henning, der Däne, begeisterte mich initial durch sein Faltrad im Zimmer. Innovative Mobilitätskonzepte haben direkt meine volle Aufmerksamkeit, womit wir auch gleich im Gespräch waren. Sein dänischer Slang und nordisches Naturell machten die Begegnung interessant, und gaben ihm aufgrund seiner Zurückhaltung eine etwas geheimnisvolle Note. Wie Lothar und ich reiste er ebenfalls extra für den Lauf an, wohnt aber unweit von Sylt auf dem Festland, in Niebül. Ein bisschen leid tun mir die Norddeutschen schon, so ganz ohne Berge (oder auch nur Hügel). Doch heutzutage ist man ja mobil, und auch Henning wusste von vielen Läufen in Deutschland und Dänemark zu berichten. Spannend!

Christian, Fahrradhändler aus Hamburg, komplettierte das Quartett. Ein ebenfalls ausgesprochen netter und aufgeschlossener Mensch! Von Hamburg aus mit Zug und Fahrrad angereist, geht´s für ihn einige Tage lang zurück pur per Rad. Er trekkt. Und fotografiert. Und genießt das Reisen, die Natur, die langen Distanzen, den Gegenwind und Motive entlang der Strecke, fotografisch digital und analog. Klar, dass wir sofort intensiv im Gespräch waren, begünstigt durch seine Freundlichkeit, Eloquenz und Fähigkeit zum Zuhören. Christian, von dieser Stelle wünsche ich DIr viel Kraft für Deine Herausforderungen. Du wirst das Schaffen, so oder so! Mit Deinen Assets mache ich mir da aber auch eigentlich gar keine Gedanken.

Alle drei haben bereits seit velen Jahren Erfahrung mit Übernachtungen in Jugendherbergen. Sehr lehrreich. Es sind manchmal die kleinen Details, die einem selbst in der Recherche entgegen. Wenn jemand davon berichtet, wie er den Leiter des Deutschen Herbergwerks getroffen hat, und ihm die Frage stellte, weshalb eigentlich Vollpension innerhalb der (terminlich weit reichenden) Saison Pflicht sei. Ob hier die Jugendherbergen das vielleicht zur Steuerung einsetzen, um unternehmungslustige Schotten doch ein bisschen auf Abstand zu halten? Eigenverpflegung ist bei Backpackern schließlich beliebt, im Prinzip bräucht´s nur einen Schlafplatz.

Wie dem auch sei: Die Jugendherberge bleibt die günstigste Übernachtungsvariante, und schenkt je nach Arrangement interessante menschliche Begegnungen. Nur die männliche Monokultur stört etwas, da einerseits in den Zimmern streng nach Herren und Damen unterschieden wird, anderseits der ohnehin schon existente Männerüberhang auf der läuferischen Langdistanz in Sylt augenfällig war. Vielleicht, weil schon Fishermans Friend wusste: Sind sie zu stark, bist Du zu schwach

In Teil 2 lest ihr den Bericht zum eigentlichen Syltlauf…

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