Körperfettvermessen gegen Adipositasvergessen

Auf nichts ist mehr Verlass. Ob Wettervorhersage oder Wahlprognose: Der Weg zur wahrhaftigen Informationsgesellschaft scheint kein leichter zu sein. Wer nicht warten will, schielt auf Stochastik, greift beherzt zur Bauernregel oder gleich ganz zur Faustformel. Sportlicher Vertreter und Begleiter durch dick und dünn: Der Body Mass Index (BMI). Bevor sich beim ernährungsphysiologisch vorgebildeten Leser das große Gähnen breitmacht: Aufgepasst, hier kommt der Index 2.0 : Die Körperfettmessung[™].

Kurz zum Begriff: Der Körperfettanteil versteht sich als Anteil des Fettes im Verhältnis zur gesamten Masse des Körpers. Fett ist nicht gleich Fett. Unterteilt wird in Fett um die inneren Organe (intraabdominal) und unter der Haut (subkutan) – beides macht das Depotfett aus. Quantitativ die Oberhand hat dabei das subkutane Fett. Zweckdienlich insbesondere als energetische Reserve oder zur Isolierung des Körpers. Daneben hält der Körper Struktur- oder Baufett vor, eingelagert in lockeres Bindegewebe. Gut als biomechanischer Schutz vor Druck, daneben „letzte Reserve“ des Körpers. Deponiertes Fett stellt den größeren Teil beider Arten da, und beträgt bei normalgewichtigen Männern circa 15 Kilogramm, 15 bis 20 Kilogramm bei Frauen. Round about.

Der BMI gilt unter Fachleuten als überholt – persönlich würde ich sagen, dass er keinen größeren Informationswert besitzt als ein ehrlicher und vollumfänglicher Blick in den Spiegel. Genaugenommen ist bloßes Schauen schon überlegen, da der BMI nur Größe und Masse ins Verhältnis setzt, bestenfalls noch unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht (Stichwort NRC). Wovon er nichts weiß und worüber er nichts sagt, ist das Verhältnis von Volumen zu Fett und Muskeln. Jeder Bodybuilder würde per BMI als adipös abqualifiziert – obgleich die Muskeln hier den Braten fett machen. Zu allem Überfluss sind Muskeln auch noch schwerer als Fett (übrigens ein frustrierender Effekt für viele Sport-Einsteiger – schlankere Linie bei stagnierendem Gewicht…). Im Eiscafe in der Sonne sitzen und gucken, ist also nur die halbe Miete zur Beurteilung der wahren Sportlichkeit des Gegenübers!

Die prozentuale, durchschnittliche Fettmasse am Körper variiert. Der gemittelte Durchschnitt über alle Alter und beide Geschlechter liegt im Normbereich um die 22,5 %, genaueres verraten diese Orientierungswerte (als Ergebnis statistischer Erhebungen) oder gleich die passenden Bücher bei Google Books.

Doch wie messen? Beim BMI ist das einfach: Zollstock und Waage zeigen Größe und Gewicht, Alter und Geschlecht darf man als bekannt voraussetzen. Die Körperfettmessung kennt abweichend verschiedene Bestimmungsmethoden, darunter die Messung der Hautfaltendicke mit Messchieber (Calipometrie), bioelektrische Impendanzanalyse, Messung der Wasserverdünnung (Hydrodensiometrie) oder auf die chemische Art (Schwefelhexafluorid-Verdünnungsmethode – japanischer Schick, auf den wir hier nicht näher eingehen wollen).

Am häufigsten (und, Überraschung, einfachsten) ist die Messung mit dem Messchieber. Wenn der Physiotherapeut die Caliperzange zückt, weiss man spätestens drei, sieben oder zehn Messpunkte später ruckizucki Bescheid. Bis dahin hat er (oder sie) an bestimmten Punkten des Körpers mit Daumen und Zeigefinger verschiedene Körperfalten (alle unspannend) gegriffen und vermessen. Bestenfalls dreimal je Dingens,  für einen mathematischen Mittelwert. Sportlerschicksal, dauernd auf seinen Körper, ach Quatsch, Zahlen reduziert zu werden. Verfressen? Vergessen! Versessen aufs Vermessen.

Holger, diplomierter Sportwissenschaftler und Caliperologe meines Vertrauens, war mit besagter Methode an Trizeps, Beckenkamm und Bauch schnell durch. Manche würden sagen, es gäbe im besagten Fall auch nicht viel zu messen. Doch falsch: Mit 12, 6 und 15 Zentimeter reicht es für „ideale“ (ha!) 14% Körperfettanteil in Schnelleinschätzung; für den eiligen Patienten. Kiloweise Lipide, die mich theoretisch energetisch auch noch tagelang durch Ausdauerbelastungen tragen. Die Körperfettskala kennt darunter (<12%) das Mager, darüber (>18%) den Durchschnitt, noch darüber (>26%) das Übergewicht (hier immer bezogen auf Männer von 30-39 Jahren). Körperfett also volle Lotte ok, nebst Normalgewichtkompatibilität auf der internationalen BMI-Skala der WHO. Wenn am Ende der Physiotherapeut stutzt, und ohne Kenntnis der sportlichen Vorgeschichte ein „das ist ja schon gut trainiert“ murmelt, weiß man, dass man auf dem richtigen Weg ist. Wer mehr wissen möchte, dem lege ich diese Diagnostik ans Herz.

Als Nachtisch noch etwas Nachdenkliches, gleichsam keine leichte Kost: Das Heute ist nicht nur eine Informationsgesellschaft – sondern als „erste Welt“ auch eine Wohlstandsgesellschaft. Der Bewegungsmangel und das ubiquitäre Überangebot an (nährstoffreicher) Nahrung bleiben nicht folgenlos. Unsere Vorfahren mussten bei vergleichbarem Grundumsatz und Kalorienbedarf noch eine ganze Menge mehr für ihr täglich Brot tun. Eine Binsenweisheit – und doch Ursache schleichender Gewichtszunahme auf breiter Basis. Folge einer Gesinnung, die volkswirtschaftlich „Wachstum“ als Maxime hat, zwischenmenschlich Anstrengung vermeidet, Verzicht kaum kennt, egozentriert auf Genuss aus ist, und in der deswegen verniedlichende Attribute wie „propper“ oder „mollig“ folgerichtig fette Beute machen. Drallig ist drollig, vielleicht sogar irgendwie schick, mindest aber tolerabel, im seltensten Fall noch evultorischer Nachteil – schnellere Fressfeinde sind out, Menschen keine Beute mehr, die Folgen des Gesundheitsrisikos behandelbar. In Deutschland sind über 50% der Menschen übergewichtig, 10-20% sind krankhaft fettsüchtig – höchste Form massiven Übergewichts (Quelle: OECD).

Auch in meinem Umfeld hat sich spürbar die gefühlte Schwelle verschoben, was „normal“ ist und was nicht. Und zwar dies- wie jenseits des letzten Gürtellochs: Leichtes Übergewicht, besonders an der unteren Grenze zu Normalgewicht, gilt subjektiv und gesellschaftskompatibel als Norm. Was naturgemäß ohne jede Anstrengung bei entsprechender Verfügbarkeit leicht erreichbar ist. Ich schreibe aus Erfahrung, denn noch vor einigen Jahren, ohne Sport, sah meine Welt ähnlich aus. Kleines Wohlstandsbäuchlein, nasser-Sack-Syndrom, Tendenz zur Birne. Nichts gegen das persönliche Wohlfühlgewicht – kleine Reserven sollen medizinisch ja tatsächlich ganz begrüßenswert sein, je nachdem, welche Studie man gerade liest. Unbestritten ist auch, dass eine leichte Gewichtszunahme mit zunehmenden Alter normal und gesund ist. Wohlgemerkt eingerechnet in die Normal- und Durchschnittsgewichtsbemaßung und -skalierung, die die Fettverfechtungsfraktion aber gleichsam drauf-, und damit unterschlägt. Eat this!

Ich gönne jedem seine Kilos – werde aber eckig, wenn Runde(re) vorschnell vermeintliches Untergewicht bei Läufern kritisieren. Letztenendes essen Sportler auch gar nicht mal weniger – nur bewusster, bei erhöhtem Kalorienverbrauch. Beides die einzig nachhaltig wirkungsvollen Stellschrauben für das persönliche Wunsch- und Wohlfühlgewicht.

Am Ende bleibt der Spiegel die erste Adresse für eine ehrliche Selbsteinschätzung. An den Details kann man dann arbeiten ;-).

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