Steve, Kinergie!


Mit KINECT führt Microsoft Mitte November 2010 eine Bewegungssteuerung für ihre eigene Spielekonsole ein. Das Produkt erntet seit seiner Vorstellung im vergangenen Jahr viele Vorschußlorbeeren. Revolution oder Rohrkrepierer?

Das Prinzip
…ist durch Nintendo (Wii) und Sony (EyeToy, Move) bekannt, völlig neuartig ist jedoch der Verzicht auf jegliche Art von Controller. Stattdessen wird der eigene Körper zur Steuerungseinheit: So interagiert man mit Armen, Beinen, Händen, Kopf und Körper. Gerade Sport- und Fitnesspiele profitieren davon enorm. Ermöglicht wird dies durch eine technisch recht komplexe Lösung aus Kameras und Infrarotlasern, hergestellt von diesem israelischen Unternehmen, kombiniert in einer einzigen Sensor-Einheit („how it works„) Deshalb auch „KINECT“: Kofferwort aus „Kinetik“ (Bewegungsenergie) und „Control“.

Das sagen die anderen
Die Testberichte von Hard- und Software in der Fachpresse sind selten richtig gut (z. B. im SPIEGEL) oder der NY Times), häufiger durchwachsen . Dem System wird meist eine hohe Intuitivität, ein gewisses/großes Maß an Spaß und Bewegung beim Spiel und [erhebliches] Zukunftspotential attestiert. In den Kinderschuhen stecken komplexere Spiele und Anwendungen, die über den bisherigen „Casual“-Ansatz hinausgehen. Allerdings lässt das bisher Gesehene erahnen, dass die Umsetzung über Software-Updates nur eine Frage der Zeit ist. Gefühlte Metakritik: Durchschnittlich 70 Prozent.

Mein Eindruck
Aus privatem (und erfreulicherweise auch beruflichem) Interesse bin ich der Sache selber mal auf den Grund gegangen, und habe das System einige Stunden getestet. Denn Lesen kann man über KINECT reichlich – doch die Meinungen sind teilweise weit auseinander. „Profispieler“ sind enttäuscht über die Schlichtheit der bisher angebotenen Spiele. Bemängelt wird häufig auch der benötigte Platz für die Bewegung, mindestens 2 bis 2,5 Meter. Oder dass das System erschöpfend und anstrengend sei, ja sogar Muskelkater provoziere. Aufruhr im Königreich Couchpotatoe.

Sportlich betrachtet möchte ich natürlich genau das: Anstrengung, Schwitzen, Trainingseffekt. Meine Erwartung ist aber niedrig, denn an der Konsole ging und geht es ja nun mal vorwiegend um Spaß. Schließlich gibt es hier keine signifikanten, physischen Widerstände – deren wiederholte Überwindung klassischerweise Anlass für körperliche Adaption sind. Ergo ist einfach nur das metabolische Äquivalent etwas erhöht, aber kein wirklicher Vergleich zu „echtem“ Training auf dem Sportplatz oder im Fitnesstudio.

Ausgepackt, angeschlossen, kalibriert und mittendrin: Die Inbetriebnahme geht flott. Wenn das System läuft, ist der erste Eindruck erstaunlich: Die Faszination der Projektion eigener Bewegungen auf (s)ein digitales Selbst ist regelrecht magisch und avataresk, ohne bisher erlebte Entsprechung. Es gibt eine kleine Lernkurve, was die Betätigung von „Schaltern“ angeht (2 Sekunden mit der Hand drauf verharren). Der Kopf muss realisieren, dass er alle drei Dimensionen nutzen kann, um die zweidimensionale Abbildung vor sich zu steuern. Das war´s dann aber auch schon, urplötzlich ist man mittendrin, Neuroplastizität sei Dank.

Die Spiele
Ich will an dieser Stelle nicht auf alle getesteten Titel des Launch-Lineups eingehen, dazu gibt´s ja auch schon massig Lesestoff im Netz. Soweit sind die Berichte in ihrer Kritik auch stimmig. Am besten gefällt mir persönlich Your Shape, was durch seinen puristischen, modernen Look besticht. Die Musik ist sanft, die Abtastung und Darstellung faszinierend und die Übungen schweißtreibend, besonders der Martial-Arts-Part. Gurken wie Fighters Uncaged kommen mir natürlich gar nicht erst ins Laufwerk, dafür das familienkompatible Adventures oder der Partyspaß namens Sports. Für kleine Leute ist aktuell Kinectimals erste Wahl.

Ja, im Einzelfall (!) geht die Bewegungserkennung daneben. Ja, man braucht relativ viel Platz (aber zwei bis drei Meter im Quadrat im Wohnzimmer sind machbar). Nein, Kinect erkennt keine einzelnen Finger. Interpretiert keine Gesichtsausdrücke. Bietet (noch) keine richtige Spracheingabe – alles Features, die seit der Vorstellung des „Project Natal“, wie KINECT in der Entwicklung hieß, stets versprochen wurden (Milo). Aber das macht nichts. Das Gebotene ist faszinierend und unterhaltsam genug und lässt definitiv Luft nach oben. Auch die Wii wurde mit viel Vorschusslorbeeren gesegnet, stieß beim Verkaufsstart auf enttäuschte Tester, und mauserte sich im Verlauf zum Kassenschlager. Die ersten Verkaufszahlen verlaufen laut Boris außerdem wohl zufriedenstellend.

Klar ist ein echtes Volleyball-Spiel besser, doch wenn gerade kein Sand, Sonnenschein und 11 Mitspieler zur Hand sind, tut es jetzt auch das eigene Wohnzimmer. Tolerante Nachbarn, die gnädig bei Akustik und Vibrationen sind, vorausgesetzt. Schüchtern darf man hier nämlich angesichts des erzeugten „Lärms“ nicht sein. Der bewusste Gedanke an ordentlichen Benimm geht angesichts des großen Spielspaßes aber sowieso schnell unter.

Fazit
Microsoft hat mit KINECT ein wirklich heißes Eisen im Feuer. Nur auf den ersten Blick ist es ein „me too“ zu Sony und Nintendo. Der Ansatz ist konsequenter, ja fast schon radikal: Kein extra Controller (wobei vermutlich aufgrund der Kritik eine kombinierte Variante bereits in der Mache ist, die Körpersteuerung mit (herkömmlicher) Controllersteuerung verbindet). Für das Gebotene ist es auch nicht zu teuer, obgleich findige Menschen schon reine Materialkosten von nur 41 Euro für das System ermittelt haben. Was natürlich eine pure Milchmädchenrechnung ist. Wer mehr wissen möchte, hört hier mal rein.

Viel wichtiger ist mir persönlich der „gefühlte“ Gegenwert in Form von [Spaß] in [Zeit]. Extrapunkte verdient sich das System durch seine einzigartige [Technik], verbunden mit dem sichtbaren, wünschenswerten und additiven [Potential]. Die Summe dessen stimmt, rechne ich ganz konkret die Stunden pro Jahr hoch, die (ab und an) mit dem System verbracht werden. Bevorzugt in Gesellschaft, denn für mich alleine ziehe ich physisch den Sportplatz, die Straße und das Fitnesstudios vor ;-). KINECT bereichert die Freizeit athletisch-sozial, mit jugendfreier und körperlich bestimmter, sportlicher Interaktion. Das System ist eben genau das: nur eine Ergänzung. Consommation ostentatoire? Non. Just for fun – inklusive Early-Adopter-Erlebnis-Bonus. Ein ordentliches Stück Zukunft, dessen Technik wir in einigen Jahren in vielen anderen Bereichen unseres Lebens antreffen werden.

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