#Travelthon: LOST @ Seychelles

Der März stand im Zeichen eines dreiwöchigen touristischen Triathlons (oder wie ich es einfach betitele: Travelthon) mit 3 Zielen:

Ab Paris ging es zunächst auf die Seychellen, anschließend nach Südafrika und zum Abschluß zu den Wüstensöhnen nach Abu Dhabi, Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Eigenorganisiert und stilistisch irgendwo zwischen Backpack und Premium, Hauptsache ohne Pauschalanbieter und mit großer Vorfreude bei den Vorbereitungen.

Im Dschungel hört Dich niemand keuchen

Unterwegs habe ich weit mehr gefunden als ich ursprünglich gesucht habe. Anfangs schwebte mir einfach ein abwechslungsreicher Urlaub in Form einer Fernreise vor. So günstig, dass es Reisebüros die Tränen in die Augen treibt (mehr dazu später in den Berichten, der Aufwand  lag jedenfalls lediglich bei gesamt rund 1.000 €). Gefunden habe ich den Frühling in Paris, Tauchen in traumhafte Buchten, Kletterei durch tropischen Dschungel, spannende und staubige Safaris, luftig-rasante Skytrails, nächtliche Fernbusse und gefährliche Innenstädte bei Nacht (Afrika) bzw. die Sicherheit, Hypermodernität und Tradition zwischen Wolkenkratzern und Palästen rund um die Uhr (VAE). Außerdem, wann hat man eigentlich das letzte Mal etwas wirklich Neues über sich selbst erfahren? Am beeindruckensten waren jedoch die Menschen, die Kommunikation, ihre Neugier, Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit.

Im Vorfeld habe ich mir vorgenommen, euch von den Erlebnissen auf der Reise zu erzählen. Falls ich es lebendig zurück schaffe. Das ist mir geglückt, doch nach der Rückkehr musste ich das Material (und mich selbst) erst einmal ein wenig sortieren. Rund 40 Seiten habe ich während der drei Wochen  vor Ort geschrieben, hinzu kommen einige neue Abschnitte, um die Sache in Form zu bringen. Es fällt mir schwer, es richtig zu portionieren –  am liebsten würde ich euch alles auf einmal zeigen. Aus praktischen Gründen veröffentliche ich stattdessen in den nächsten Tagen immer mal wieder eine einzelne Episode der jeweiligen Destination samt handgemachter Bilder. Natürlich inklusive Laufberichten aus den Subtropen, Savanne und Wüste 😉

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Auf den Seychellen (I)

Ankunft auf den Seychellen. Im Landeanflug schreit ein Baby das Flugzeug zusammen. Was soll es auch tun, von so etwas wie Druckausgleich durch Schlucken oder Kaugummis hat es noch nie etwas in seinem jungen Leben gehört. Dafür hören wir es, während wir durch die Dunkelheit und den Regen descenten. Mit 5 Stunden Verspätung kommen wir von Abu Dhabi, wo am Morgen dichter Nebel den Flugverkehr lahmlegte. Kreisten und kreisten, wichen mit einer Zwischenlandung in Bahrain aus, standen 4 Stunden und flogen zurück zum Umstieg in die Hauptstadt. In der Hektik und dem Chaos habe ich einige wichtige Dokumente verloren, zum Glück nicht meinen Reisepass. Im Moment nur froh, bald ein Bett zu sehen. Nach der Landung und dem Taxi in meine Unterkunft.

Am Flughafen schlägt mir eine Wand aus warmer und feuchter Luft entgegen. Klimatisch eine klare Erinnerung an die Dominikanische Republik vor mehr als einer Dekade. Mit Mitte 20 dachte ich mir damals nichts dabei, heute wäre die Wahl eines solchen Pauschalurlaubs unweit von Not und Elend keine Option mehr. Zumal die Seychellen bei Fauna und Flora das bedeutend attraktivere Ziel sind, doch so weit bin ich an dieser Stelle noch nicht. Erst mal durch die Passkontrolle (völlig unproblematisch) und zum Taxi (dito, allerdings für 12 Kilometer bis zur Unterkunft an der Nordwestküste mit 40 Euro teuer – ich teile mir das Taxi mit Silvia, die ich an allen weiteren Flughäfen dieser Reise wiedertreffen werde).

Ausblick Unterkunft Seychellen

Mittlerweile ist es kurz vor Mitternacht, 19 Stunden Reise (samt einiger Stunden freier Zeit in Paris) liegen hinter mir – und schon jede Menge Eindrücke. Dazu zählt, gerade zwar ein wenig müde zu sein, angesichts der Überlegung, auf einem kleinen Eiland nahe des Äquators und inmitten des Indischen Ozeans zu stehen, das rundherum von tausenden Kilometern Wasser umspült ist, jedoch auch etwas aufgedreht. Analog zur Länge dieses Satzes war nämlich die zurückgelegte Strecke in letzter Zeit, Luftlinie mehr als 7.500 Kilometer.

Ich lasse mich in der hiesigen Polizeistation absetzen. Treffpunkt und Gelegenheit für einen Schnack mit dem Dorfpolizisten. Mein Vermieter heißt Viraf  und lebt selbst auf den Seychellen. Er vermietet mir ein kleines Appartment wenige hundert Meter vom Strand entfernt. Gerade mal 5 Tage vor dem Flug hatte ich gebucht, da als weitere Option noch ein Gästezimmer bei einer einheimischen Familie bestand. Gerade einmal 20 Euro hätte hier die Nacht gekostet. Doch für dieses Mal habe ich mich für den im Vergleich größeren Luxus und der Privatsphäre eigener Räume inklusive Dusche, WC und Balkon samt Meerblick entschieden – und die rund doppelten Kosten nicht bereut, obgleich für den Preis gleich 2 Personen hätten unterkommen können. Ich bin allerdings alleine unterwegs, was mir zwar keinen Preisnachlass beschert, dafür mehr Platz.

Die nächsten Tage führen mich in meinem Urlaub auf der Hauptinsel Mahé zu fantastischen Stränden und abgelegenen Buchten, über steile Trails und inmitten der kleinsten Hauptstadt der Welt: Victoria gerade einmal 24.000 Einwohner. Die 115 Inseln der Seychellen fassen zusammen gesamt 90.000 Einwohner des Archipels. Anders als viele andere Touristen führt mich mein Aufenthalt zunächst nur auf die größte Insel, was der Schönheit jedoch keinen Abbruch tut.

Das schreibe ich jetzt mal einfach so, denn dieser Eindruck hat angeblich nur so lange Bestand, bis man die anderen Inseln selbst gesehen hat (wie etwa Praslin oder La Digue unweit von Mahé). Irgendwas möchte ich mir jedoch als Steigerungsmöglichkeit für die Zukunft aufsparen, schließlich dürfte es angesichts der Bilder zukünftig hart genug sein, an der Nordseeküste oder im Mittelmeerraum Urlaub zu machen…

The Beach: Anse Major unweit des Beau Vallon

Neben der Ankunft möchte ich euch heute im ersten Teil von einer besonderen Wanderung berichten. Die Seychellen bieten schöne Strände, topologisch durch den Urwald und die Berge jedoch auch reizvolle Gelegenheiten hinsichtlich „Hiking“. Im März landete ich gegen Ende der Regenzeit, die es allerdings nicht eilig hatte.. Sonne gab es dennoch satt (mehr hätte es nicht sein dürfen, schon am ersten noch wolkigen Tag handelte ich mir trotz ordentlicher Vorbereitungen einen gehörigen Sonnenbrand ein), doch nicht alle Tage waren Strandtage. Das Wetter ist über den Tag abwechslungsreich, schlechtere Abschnitte nutzte ich also zur Landerkundung.

Blick über das Naturschutzgebiet zurück Richtung Beau Vallon (links) bzw. der Westküste hinab Richtung Süden (rechts)

Die höchste Erhebung der Seychellen ist mit 905 Metern der „Morne Seychellois“. Klingt klein, ist jedoch dank vollständiger Bedeckung mit tropischem Regenwald inmitten eines Naturschutzgebietes auf geringer Fläche steil im Anstieg und definitiv nichts für Anfänger. Es gibt eine handvoll schöner Touren in den Bergen der Insel, die sich mit guter Planung außerdem kombinieren lassen. Die Tour, deren Tagebucheintrag ihr nachfolgend lest, ist im zweiten Teil indes in keinem Führer verzeichnet. Sie führt nämlich „auf eigene Faust“ mehrere Stunden bergab durch dichten Regenwald, entlang eines Flussbetts (später auch: durch ein Flussbett) und entlang von Wasserfällen, Granitblöcken, Schluchten und menschenfressender Palmwedelfriedhöfen.

Seychelles Islands

Kurzum: Nach mehreren Stunden braven und schweißtreibenden Anstiegs hatte ich on top mein Ziel vor Augen, zwei sagenhaft schöne Buchten zum Schnorcheln. Doch der Weg führte nicht weiter. Da ich auf der Wandung bereits zwei kräftezehrende und kilometerfressende Korrekturen vorgenommen hatte, wollte ich mich diesmal einfach durchschlagen. Bergab im Dschungel keine so gute Idee, doch lest selbst…

—————–Tagebucheintrag vom Sonntag, 09. März 2014——————–

Bergwelt der Seychellen / Mountains on Seychelles Islands

Geplant: Wanderung entlang der Flanke des höchsten Berges der Seychellen, den (sic!) Monte Seychellios (gut 900 Meter). Kleines Island und Berge bedeuten starke Steigungen. Anstieg durchaus über Südtiroler Verhältnissen, aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit tropft ganz schnell der Schweiss von der Nasse und rinnt in Strömen über den Körper, durchweicht die Kleidung.

Ich komme gut voran und bin schnell auf 650 Metern. Durch das dichte Blätterdacht scheint die Morgensonne auf mein Gesicht, von dessen Nase beim Aufstieg beständig der Schweiss nur so tropft. Körper und Kleidung sind schnell durchweicht von der hausgemachten Nässe, die bei so viel Luftfeuchtigkeit nicht wirklich trocknet.

Anders als gewünscht verläuft der Weg nicht über die Bergkuppen der angrenzenden Berge, sondern eher einem Pass zwischen den Gipfeln. Wunderschöner Urwald inmitten des Nationalparkes. Echter Dschungel, in dem ich bald auf dem noch ausgezeichneten Weg einen Sumpf (Swamp) durchquere. „Wanderweg“ wollte ich ursprünglich schreiben, korrigierte das aber rasch, da der als solcher bezeichnete Trail bereits auf offizieller Route Adventure-Charakter hat: Dichter Busch, manche Kletterei über Granitfelsen und bedingt durch den starken Wusch der Flora immer wieder nötige Orientierung, woher jetzt gewandert werden kann / soll / muss.

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Nach einer Rast windet sich der Weg in Richtung der Westküste und vor mir liegt viele hundert Meter weiter unten eine paradisische Lagune. Ein Helikopter fliegt hin und her, Lear-Jets sind etwas weiter hinten zu sehen. Inmitten das kräftige Blau und Türkis des Meeres und der Riffe, gut erkennbar auch der beigefarbene Strand. Ich bin laut Hinweisschildern noch circa 2 Kilometer vom Ziel entfernt, Port Launy, ein Beach und Tauch-Revier, das seinesgleichen auf den Inseln suchen soll. Angesichts des Anblicks glotze ich Minute um Minute und kann es nicht fassen, was da vor mir liegt. Noch wesentlich unwirklicher ist die Vorstellung, dort in kürze zu schnorcheln. Ich kann es einfach nicht fassen. Und soll mit der Annahme, gleich da zu sein, tatsächlich falsch zu liegen.

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Der Weg führt nämlich nicht weiter. Das finde ich ziemlich unlogisch, da ich mich die ganze Zeit wohlfeil an die Beschilderung gehalten habe. Viel Auswahl ist nicht: Vor mir der Abhang mit dichtem Busch, hinter mir der Berg mit dichtem Busch, links der Weg von dem ich kam, rechts ein Abhang mit dichtem Busch.

Schlichter Geometrie folgend verlängere ich gedanklich die Gerade des Weges den Abhang rechts hinunter. Taste mich langsam vor, doch schnell wird mir die Sache zu heikel. Rutsche aus, unter mir Granitfelsen. Krabbele rasch wieder hinauf, um oben genauso schlau wie zuvor zu sein.

Na, wird schon nicht so schlimm werden. Falsch gedacht, aber hinterher ist man ja immer klüger. Also wieder hinab, einige dutzend Meter lang rede ich mir erfolgreich ein, dass das hier wohl der Weg sein wird, lediglich ein wenig zugewachsen.

Ich steige immer tiefer hinab in das Tal zwischen zwei Bergrücken. Steil, vielleicht 45 Grad. Klettere über den Granit und hangele mich an den Stämmen entlang, die teils mit Dornen bewachsen sind. Schmerzhaft schnell lerne ich, erst hinzusehen, bevor hingegriffen wird.

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Das rauschende Wasser ist die Quelle des Gedankens, einfach dem Flusslauf hinab zu folgen. Das dürfte ja der kürzeste Weg sein. MÜSSTE. Und vielleicht sogar ein. bisschen kommod und malerisch. In sehr kurzer Zeit war das die zweite schwerwiegende Fehlannahne.

Die Verhältnisse wurden immer schlimmer. Granitfelslabyrinthe und Palmblätterfriedhöfe, über die man sich zwar langsam vortasten konnte, unter denen sich jedoch erneut Felsen verbargen. Einzurutschen war unbedingt zu vermeiden, teils jedoch nicht ganz umgänglich. Außerdem war vor lauter Bäumen keinerlei Wald geschweige denn Lagune zu sehen. Noch hatte ich allerdings nicht das Gefühl, verloren zu sein, schliesslich waren erst rund 30 Minuten vergangen. Wird schon.

Komissar Zufall brachte diesmal leider keinen Weg plötzlich wieder vor die Füße. Abenteuerlich wechselte die Landschaft im Minutentakt, der Fluss floss gemächlich mit geringem Gefälle, während ich mich an seiner Seite durchs Unterholz kämpfte. Kräftezehrend, wie ich später feststellte. Doch zu so früher Stunde erscheint der Gedanke, samt Rucksack im Fluss zu SCHWIMMEN, um endlich anzukommen, noch zu abwegig. Wer will schon nass werden?

Nass wurde ich zwangsläufig später. Am Ufer war teilweise kein Vorankommen mehr, so dass ich die Flusseite wechseln musste. Anfangs noch trockenen Fusses, später mit nassen Schuhen. Nasse Steine im Fluss, gerade um Wasserfälle herum, sind rasch ausgesrochen glitschig. „127 hours“ kommt mir in den Sinn, dieser Film nach einer wahren Begebenheit, in der ein Wanderer alleine in Utah unterwegs ist, sich einen Arm einklemmt. Einige Tage später nutzt er sein Taschenmesser, um sich zu befreien. Nein, er schneidet nicht einfach seinen Ärmel ab, der zwischen den Steinen feststeckt . Weil der Arm eingeklemmt war (sicher auch noch eine Weile nach seiner Befreiung). Nur waren das hier keine trockenen Steine, sondern eine ganz schön glitschige Geschichte. Und in seinem Gefahrenpotential aufgrund der fortdauernden Kletterei auf teilweise allen Vieren und mit erheblichem Kraft- und Konzentrationsaufwand vermutlich mindestens ähnlich gelagert.

Erreiche nach 2 Stunden einen Tümpel, in dem sich das Wasser staut. Mir ist klar, schnell weiter zu müssen, nehme mir trotzdem die Zeit für ein kurzes Bad. Bis hier noch einige Videos und Bilder, später lasse ich es sein. Weder wird mir später noch nach Lächeln sein,noch empfinde ich diese Landschaft als malerisch. Das trügt. Landschaftlicher Genuss geht so lange gut, wie man in Sicherheit ist. Fotografieren steht ganz unten auf der Prioritätenliste, wenn es gefühlt zunehmend um Leib und Leben geht. Bisweilen ist es im Teich aber einfach erfrischend nach der anstrengenden Stunden.

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Später werde ich jeden weiteren Tümpel oder Wasserfälle dieser Art links und rechts liegen lassen, Hauptsache raus hier. Übrigens kein sonderlich kluger Schachzug (was mir erst viel später klar wurde), da es angesichts von tropischen Nächten klüger gewesen wäre, sich langsam vorzutasten und damit die Verletzungsgefahr zu senken. In der Situation hier hatte ich jedoch nur noch den Gedanken, mich so schnell wie möglich aus der Situation (bzw. dem Urwald) zu befreien. Als ob es auf die Zeit angekommen wäre.

Fange tatsächlich an, laut Lieder zu singen. Merke, dass es mich in der nötigen Konzentration für den Weg stört und gebe es dran. Nur, um wenig später mehrfach laut unflätige Wörter zu schreien. Es hilft gegen die aufkommende Angst. Bei so ziemlich jeder anderen Herausforderung im Leben gibt es eine kontrollierte Exit-Option: Beim Marathon die Helfer am Streckenrand, beim Gleitschirmfliegen den Fallschirm, an der Autobahn den Standstreifen. Doch hier fühlt es sich so an, keine Wahl zu haben. Da durch zu müssen, unkontrolliert Ankommen um jeden Preis, DNF is really no option. Noch nicht mal eine Uhr, ein Handy oder Proviant bei mir – und keine Ahnung, wie lange das hier noch dauert. Es muss Nachmittag sein, und ich fürchte mich (irrationalerweise) vor der Nacht. Verliere mein Zeitgefühl, jede Lust und so langsam auch meine Kraft.

Mache immer wieder Pausen, die immer länger werden. Erlaube mir trotzdem keinen Müßiggang, Ausruhen kann ich später. „Strandtag, morgen nur Strandtag“ verspreche ich mir. Und denke „wenn es denn ein Morgen gibt“. Muss weiter höllisch aufpassen, nicht zu stürzen, und tue es doch einige Male. Die nächsten Wochen wird mir der Steiss extrem weh tun, wohlmöglich angebrochen, im Fluss reicht es nur für ein Keuchen und lautes „Fuck“. Meine Beine werden durch den Busch zerkratzt, egal, nur weiter.

Schwimme durch Flussabschnitte und muss immer wieder die Seiten wechseln, wenn ein Granitblock mal wieder zu hoch ist. Manchmal führt die Tour trotzdem an ihnen entlang, in den Fels gekrallt, die Fingernägel lösen sich. Wenigstens tut das kalte Bachwasser gut, aufgrund seiner Quelle im Fels ist es außerdem trinkbar. Trotzdem bin ich vorsichtig aufgrund der „stehenden“ Tümpel. Auf der Karte sah ich noch, dass „Waterfalls“ in der Nähe eingezeichnet waren. Befürchte, später an eine Stelle zu kommen, die selbst mit mutiger Kletterei oder einem Sprung nicht mehr zu bewältigen ist. Zum Glück bleibt mir das aber erspart, gleichwohl springe ich so manchen Abschnitt hinab, lande im laut gurgelnden Wasser unter mir. Wo es geht, umgehe ich die Sprünge, da die kleinen Seen unterhalb der Wasserfälle zwar stets glasklar sind, ihre Tiefe aber schwer abzuschätzen. Doch nicht immer lässt das die Topographie zu, die jetzt streckenweise einer Klamm gleicht.

Kabel kommen in Sichtweite. Sie laufen teilweise durch den Fluss, dicke, schwarze Kabel. Ich schöpfe Hoffnung, das sind ja schon sehr nach Zivilisation aus. Rund eine Stunde lang werden sie mich noch begleiten und von Menschen weit und breit keine Spur.

Das gilt auch für die „Plantage“, auf die ich am späten Nachmittag endlich gelange. ENDLICH! Doch weit und breit niemand da, alle Rufe verhallen ohne Echo in den Bergen. Fühle mich kolossal (und ein bisschen kolonial) an den Film „The Beach“ erinnert und hoffe, dass das hier kein Mariuhana-Feld ist. Taste mich in allen Richtungen vor, doch überall wieder nur dichter Busch. Den Fehler von vor einigen Stunden möchte ich nicht noch einmal machen. Bin völlig erschöpft und auf dreiviertel der Strecke zum Ende meiner Kräfte.

Plantage Lost Wanderung Hiking

Zum Glück führt der 5. Versuch, einen Ausgang zu finden, endlich zum Erfolg. Über offensichtlich von Menschen angelegte Trittsteine stehe ich kurz darauf auf ein Bambusfeld. Ein Hund kommt auf mich zugelaufen, knurrt. Wende mich ab, vielleicht verteidigt er sein Revier, vielleicht bewacht er die Plantage. Ziehe mich zurück, da auch woanders weitere Hunde das Bellen beginnen. Sie werden hier oft als billige Security eingesetzt und ich glaube, eine Diskussion über meine Situation ist mit ihnen zwecklos.

Komme randommäßig an einen kleinen See, dessen Grund ich immerhin sehen kann. Gegenüber ankert ein kleines Boot. Ich hadere, rüberzuschwimmen, da drüben vielleicht weitere Hunde warten. Im See bin ich aber sicher vor den Exemplaren auf meinen Fersen, also hinein. Linke Hand sehe ich eine Pumpstation am anderen Ufer, wunderbar, dort muss auch eine Straße verlaufen.

Der Tauchgang meines Lebens

Wate einige hundert Meter durch den klasklaren See, ein Moment für sich. Bin sehr glücklich über die Nähe zur Zivilisation. Steige aus dem Fluss, gelange auf eine Straße, ein alter Seychello grüßt mich freundlich. Offensichtlich habe ich es geschafft, Häuser tauchen auf, nur 2 Minuten später ein „Take Away“ Wagen, diese mobilen Verkaufsbuden für Food. Stelle mich an, dauert sehr lang, doch mir ist alles egal und brauche etwas zu Essen. Vor mir schnappe ich ein Englisch auf, das auf einen Deutschen hindeutet. Nicht dass ich sprachlich schüchtern wäre. Doch in meinem jetzigen Zustand kommt die Muttersprache den erschöpften Neuronenverbände etwas entgegen. Spreche ihn an, um mich nach der Lage der Bucht zu erkundigen. Die Stimme zittert und Andreas wird mir später sagen, dass ihm das als erstes aufgefallen ist.

Stitched Panorama

Wir kommen ins Gespräch, das aber zunächst etwas oberflächlich bleibt. Nehme mein Essen im Empfang, verschlinge es hungrig. Am Strand treffe ich Andreas mit seiner Freundin wieder, ich setze mich einfach hin und wir reden weiter. Er ist erfahrener Taucher und sie berichten von den Mantas und Haien in der Bucht, 200 Meter weit draußen. Ob wir zusammen rausschwimmen sollen?

Bin ergriffen im Angesicht von so viel Freundlichkeit und kann trotz des bisherigen Tages nicht Nein sagen. Schliesslich bin ich genau dafür hergekommen und nach so viel Mühe wartet jetzt wohl der Preis. Wir schwimmen und schnorcheln und sehen Mantas und Muränen und Korallen und suchen im Sand nach Haien. Vergesse gänzlich die GoPro, daher gibt es von diesem Teil keine Bilder. Egal, ich komme wieder, in den nächsten Tagen, im nächsten Jahr – egal, es geht auch um die schlichte Erfahrung. Genug dokumentiert, heute war es knapp genug. Außerdem braucht das Tauchen nochmals alle Kraft und Konzentration, besonders viel Erfahrung habe ich damit noch nicht.

Generell gerade eine guten Gelegenheit, da jetzt die Flut reinkommt und mit ihr die Großfische, wie ein alter Mann am Meer erzählte. Zwar sehen wir keine wirklich, wirklich großen Fische, , aber ich mache den Schnorchelgang meines Lebens. Alleine hätte ich mich niemals so weit hinausgetraut, nicht beim ersten Mal. Jetzt weiß ich Bescheid und finde es dabei außerdem recht praktisch, dass man sich schlecht verirren kann, anders also als beim Wandern. Aufzupassen ist nur auf die Strömung, doch da er auch Tipps parat. Und sollte uns doch mal ein großer Hai begegnen, dann sei es wie mit Hunden: Wenn Du Angst zeigst und wegläufst (bzw. wegschwimmst), dann hast Du schon verloren. Das merke ich mir.

Am Strand nach der Rückkehr vertiefen wir unser Gespräch, dessen fesselnde Details hier jetzt zu weit führten. Nur so viel: Andreas hat so wie ich in den letzten Jahren partnerschaftlich zweifelhafte Erfahrungen gemacht, auf die er ebenfalls getrost hätte verzichten können. Wir tauschen Erfahrungen, Perspektiven und Standpunkte aus und er lädt mich noch auf ein Bier ein, außerdem haben sie einen Mietwagen und können mich mitnehmen. Ein Riesenglück, da so spät am Sonntag keine Busse mehr auf der Insel fahren.

Zusammen trinken wir im Sonnenuntergang mit Blick auf echte Flughunde über unseren Köpfen. Was für ein Tag. Am Abend stakse ich noch voller Adrenalin an den Strand für einige Fotos und einen Lauf entlang der Brandung, nur um anschliessend endgültig in einen katatonischen Zustand zu gleiten. Erst am nächsten Tag wird mein Körper mir deutlichst sagen, wie anstrengend das gesternwar, Muskelkater in den Beinen, zerschlissene Unterschenkel und geprelltes Becken inklusive. Auch wenn ich mich natürlich dadurch erst recht lebendig fühle, ist mir völlig klar, dass ich sehr viel Glück hatte. Ich mache diese Reise, um Erfahrungen zu sammeln. Um dem Glück Gelegenheiten zu bieten. Nicht unbedingt auf diese Art, doch das dürfte trotzdem zählen. Glück gehabt.

—————–Ende des Eintrags vom Sonntag, 09. März 2014——————–

Stitched Panorama

So, das war ein einziger Tag auf den Seychellen. Am Abend ging es noch, wie so oft im Urlaub, mit den Laufsachen an den Strand. Die Fotos unten sind bei Nacht mit Langzeitbelichtung entstanden. Mein Laufequipment ist von Brooks: Maßgeblich der (rote) „Transcend“ an den Füßen, eine völlig neuartige biomechanische Entwicklung mit dem Ziel eines optimalen „Floats“. Die Unterstützung, Dämpfung und Architektur des Schuhs selbst ist dahingehend konzipiert, das man ihn direkt wieder vergisst.

Brooks Transcend on Seychelles Island Alf Dahl Messenger Ambassadore Minister Münster City Run Transcendence

Richtig gelesen, Brooks legt es geradezu drauf an, dass man ihn nicht bemerkt. Beeinflusst ist dieser Gedanke auch vom „natural running“, ohne dass der Transcend nach dessen Minimalprinzip ausgerichtet wäre. Im Gegenteil, Erstkontakt und Schlupfgefühl sind einfach toll, die Füße fühlen sich optimal versorgt. Darüber hatte ich die Schuhe dann tatsächlich zunächst auch vergessen. Nicht gerade optimal, wenn man bei Dunkelheit entlang der Brandung läuft. Ehrlich, zwischen Krebsen und Wellen hatte ich anschließend nicht nur feuchte Füße, sondern auch ein schlechtes Gewissen ;-).

Diese Insel macht mich einfach nass – ob am Berg oder Strand. Wenn es nur ein paar nasse Füße wären – doch angesichts von annähernd 100% Luftfeuchtigkeit und 28° auch noch um 23:00 Uhr ist der Strandlauf zum Abschluss des Tages so eine Sache. Das lange Shirt hatte ich ohnehin nur für´s Foto angezogen (sonst viel zu warm). Schon nach wenigen Metern ist der Oberkörper nass vor Schweiss. Nicht unangenehm, doch die Kühlung für den Körper funktioniert bei diesen Rahmenbedingungen einfach nicht (zumindest bei mir).

Um so bewundernswerter, dass auf den Seychellen ein Marathon veranstaltet wird. Mit seinem Termin Ende Februar hatte ich ihn gerade verpasst – doch 2015 finden sich hier bestimmt wieder Extremläufer aus aller Welt zusammen. On a beau dire et beau faire –trop pénible pour moi . Mein Nachbar im Quartier, die Bezirksverwaltung von Beau Vallon, hatte noch ein Plakat hängen. Auf Nachfrage haben sie es mir freundlicherweise immerhin als Souvenir überlassen.

Die Kilometer in der Nacht entlang der Küste werde ich trotzdem mein Leben lang nicht vergessen. Diese Wärme, das Gefühl der Wellen an den Beinen, der Klang der Brandung und die Flughunde in den Palmen – schon alleine diese Momente sind unvergesslich. Vom Rest des Tages mal ganz abgesehen 😉

Flughunde Gotham Bat Pteropodidae Fledertier Chiroptera Flughund

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