The Sound of Speed of Light Ruhr

Wer die Speed of Light Ruhr Choreografien Anfang Oktober live vor Ort miterlebt hat, weiß vielleicht noch um den hypnotischen, dunklen Ambient-Soundtrack. Der Ton kommt nicht von ungefähr, sondern ist handverlesen von NVA´s Kreativdirektor und Schöpfer von Speed of Light (SOL), Angus „The Grim Runner“ Farquhar.

Überwiegend betont ruhige, monumentale Stücke, die einerseits den gleichbleibend treibenden Charakter der Performances aufgreifen, andererseits die Epik der Flächen und Gelände widerspiegeln, ihre Monumentalität ins Akustische übertragen. Sie sind die hörbare Seite dieser Hommage an den Menschen, die Athletik, Natur und Industriekultur.  Gleichwohl von herausragenden Künstlern des elektronischen Fachs, dessen Ursprünge bis in die späte 60er zurückreichen. Ihr merkt meine Begeisterung, die der Tatsache geschuldet ist, dass dieses Projekt wirklich in jedem einzelnen seiner Teilaspekte (nicht nur) mein Innerstes berührt hat.

Heute möchte ich euch daher gern ausführlich die verwendete Tracklist und Künstler dahinter vorstellen.

Prelude

Vorweg und bitte Vorsicht:

Konzeptbedingt handelt es sich bei der Musik eben _nicht_ um die Toten Hosen, Unheilig oder Helene Fischer. Es geht beim Sound von Speed um Light ziemlich konkret um Kunst und die Komplettierung dieser wunderschönen Collagen inmitten von Industriekultur und Natur. Synchronizität von Licht und Läufern, Farbe und Formen, Richtung und Rythmus.

Passenderweise ist es „Ambient“: Eine Variante der elektronischen Musik. bei der sphärische, sanfte, langgezogene und warme Klänge dominieren.  Rythmus erscheint oft nur als subtile Perkussionstextur, als Arpeggien (aufeinanderfolgende statt parallele Akkorde) oder in rhythmisch eingebrachten Melodie- und Bassverläufen. Häufig wird auch mit räumlichen Effekten, Soundscapes (Klanglandschaften: Töne aus Natur, Technik und Umwelt werden mit dem Mikrofon aufgenommen und elektronisch verfremdet) und Feldaufnahmen (ähnlich wie Klanglandschaften, noch größerer Focus auf die freie Wildbahn) experimentiert, vielfach werden Synthesizer und Blasinstrumente eingesetzt. Die Tracks sind meist sehr langsam und lang, bauen sich oft gemächlich auf und gehen ineinander über, wobei sie selten einer klassischen Songstruktur folgen. Das muss man mögen, dafür braucht man Zeit, idealerweise auch die richtige Umgebung.

Schon vor Ort bei den ersten Proben unserer kleinen Gruppe der Run Leader Ende August ist mir ausnahmslos stimmige Sound aufgefallen. Es ist ein glücklicher Zufall, dass ich in sehr jungen Jahren, Mitte der 80er mit gerade einmal ab-12-, im dem Elternhaus nahegelegenen Remmitenden-Plattenladenlager quasi in den Zaubertopf gefallen bin. Auf meinen  Schallplattenspieler verirrte sich damals also nocht nur a-ha, Depeche Mode und so manche Stock Aitken Watermen Produktion (sorry, Angus), sondern auch Kraftwerk, Nitzer Ebb, Front242, KLF, Lassique Bendthaus oder tatsächlich auch Tech Dept (dazu unten mehr, viel mehr). Schon sehr früh stand ich elektronischer Musik näher als Rock, Pop oder Charts, quasi mittendrin, und seitdem ist das glücklicherweise überwiegend so geblieben.

Die Musikszene hat sich massiv weiterentwickelt, und gerade der europäische Raum (wozu ich England und Schottland jetzt einfach mal zähle) brachte in den 1990ern die Sache akustisch erheblich voran. Techno gerit zum Mainstream. Mit dem Ende dieses Jahrzehntes ging dieser Trend und begann die die post-Techno-Phase mit ihrer „Intelligent Dance Music“. Diese Klassifizierung ist sprachlich nicht unbedingt meins, unterstellt sie doch überflüssigerweise die Notwendigkeit von Intelligenz (zu der es selbst noch nicht mal eine allgemeingültige Definiton gibt). Konsensfähig wäre jedoch vielleicht, dass der Zugang zu ihr im Vergleich nicht so leicht fällt wie zu Popmusik. Und zwar hinsichtlich des Bekanntheitsgrades wie auch der Machart – bei beidem möchte ich mit diesen Zeilen etwas behilflich sein. Und den Versuch unternehmen, ein klein wenig zurückzugeben an dieses Projekt, was wie gesagt erschütternd schön war. Daher muss heute also die Musik dran glauben, in chronologischer Reihenfolge. Ab etwas mehr als der Hälfte geht der Text außerdem mehr auf die Settings vor Ort ein – enjoy!

Speed of Light Ruhr Halde Hoheward Herten Germany Deutschland NVA

03. Oktober 2013: Halde Hoheward Herten

• Robert Henke – Signal to Noise ll

Produzent Robert Henke ist besser bekannt als eine Hälfte von Monolake, einer populären Gruppe des Minimal-Techno, die mit Berlin´s Chain Reactor Label in Verbindung steht. Während dieses Projekt Henke eine recht große Bekanntheit verschafft, produziert und veröffentlicht er er komplexere Klangstrukturen über sein eigenes Label, Imbalance Computer Music. Seine Musik ist geprägt von pulsierender Rythmik, auf Soloalben (wie Piercing Music und Floating.Point) auch digitale Klangcollagen mit krachenden FM-Synthie-Wellen, Klicks, Summen, Brummen und dünnen, computergenerierten Geräuschen. Akustisch steht er damit in der Nähe von eher esoterischen Arbeiten von Komponisten wie Francois Bayle, John Chowning oder Bernhard Parmegiani.  Henkes Soloarbeiten kombiniert die ästhetischen Aspekte von electro-akustischer Musik mit der leichtfüßigen und friedfertigen Atmosphäre des Ambient, verbunden mit experimentellen post-Techno.

• Taylor Dupree – Everything’s Gone Grey

Mit jedem seiner musikalischen Projekte entwickelt sich Deupree weiter. In den 90ern war er teil der acid-Techno Gruppe Prototype 909. Der Sound des Trios stand stellvertretend für die schnellen Beats der Roland RB 909er und scharfen, verwirbelnden und verstörten Sounds der Synthies der 303. In dieser Zeit prägte sich seine Verbundenheit mit den Drummachines, woher auch sein Nickname Taylor 808 rührte. Schon früh begannen seine Experimente mit Ambient, etwa im Projekt SETI, gemeinsam mit Savvas Ysatis. Seine Arbeiten dieser Zeit wurden auf Instict und 12K Records veröffentlicht, letzteres sein eigenes Label. Deupree ist daneben stark in der künstlerischen Subkultur verwurzelt, beispieltsweise als Head Graphic Design Artist (Instinct) oder als Produzent ener Dokumentation zur elektronischen Musik, gemeinsam mit Caipirinha Productions. Zu seinen jüngsten Werken zählen Remixe von Philip Glass,  Ryuchi Sakamoto und Soloveröffentlichungen wie Northern oder eine limitierte Edition akustisch experimenteller Feld-Aufnahmen namens 1AM.

• Atom Heart – Tuff Transmitter

Der deutsche Musiker Uwe Schmidt produziert maßgeblich im Bereich elektronischer Musik, jedoch nicht ausschließlich. Seine eigenene Veröffentlichungen erscheinen unter mittlerweile gut 60 Pseudonymen, darunter Atom Heart, Atom FM oder Coeur Atomique. Erste musikalische Erfahrungen sammelte der 1968 geborene Musiker als Schlagzeuger, während unter Pseudonym bereits wenige Jahre später erste Ambient- und Industrial-Tracks erschienen. Darunter Lassqieue Benthaus (dessen Sound mich in jungen Jahren damals selbst begleitet hat). Ende der 90er zog Schmidt, gelangtweilt von der deutschen Musikwelt, nach Chile.  Beeinflusst von den Rhythmen lateinamerikanischer Tänze wie Cha-Cha-Cha oder Rumba veröffentlichte er im Jahr 2000 als Señor Coconut das Album El baile alemán, auf dem er Kraftwerk als Latina-Versionen covert. Seine Single-Auskopplung Tour de France erreichte die deutschen Dance-Charts. Das gehörte „Tuff Transmitter“ erschien unter dem Künstlernamen Coeur Atomique am 10. Oktober 1993.

• Thomas Köner – Teimo

Der Bochumer Thomas Köner zählt zu den eher seltenen Künstlern des avantgardistischen Techno und Indie-Rocks. Von 1985 bis 1990 studierte er elektronische Musik am niederländischen CEM-Studie. 1991 startete er seine Veröffentlichungen mit „Nunatak Gongamur, der ersten LP für das niederländische Label Baroonie Label. Sein Sound ist breit, flächig, monumental und ausgesprochen reduziert. Mit einer extrem reduzierten Klangästhetik, als langsame Klangcollage und regelrechten Lo-Fi. Seit 1995 ist Köner als freischaffender Künstler tätig, und hat für seine Werke zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Speed of Light Transit Routes Runs Germany Deutschland Brücke Zollverein Centro Bridge Runner Walking Running Run Jog Jogging 10 20 km Half Marathon

Sound of Speed of Light Music Tracks Bochum Jahrhunderthalle Millenum Hall Milenum Infinity Eight

03. Oktober 2013: Westpark an der Jahrhunderthalle Bochum

• Thomas Köner – NUUK (Air)

(siehe oben)

• Stars of the Lid – Broken Harbors Part 2

Stars of the Lid ist ein amerikanisches Musiker-Duo, Brian McBride und Adam Wiltzie aus Texas Austin (Texas). Ihr musikalischer Schwerpunkt liegt seit 1993 im Bereich minimalistischer Ambient-Klänge und ist stark von tiefen, durchgängigen Haltetönen (Drones) geprägt. Um dasfür ihre Musik charakterische Fehlen von rythmisch eingesetzten Instrumenten zu kompensieren und trotzdem eine gewisse Dynamik zu erzielen, setzen sie außerdem auf den Einsatz verfremdeter Gitarrensounds in Verbindung mit Klavier, Strings und Hörnern. Zu ihren Einflüssen zählen Komponisten klassischer und elektronischer Musik wie Arvo Pärt, Zbigniew Preisner, Gavin Bryars oder Henryk Górecki. Der Ambient-Innovator Brian Eno stellt als Vertreter des Post-Rock eine weitere große Inspirationsquelle dar. 

• Biosphere – The Eye of the Cyclone

Der Norweger Geir Jenssen lebt in Tromso, einer Stadt, gerade mal 500 Meilen vom Polarkreis entfernt. Mitte bis Ende der 90er experimentierte er mit der unter „Ambient Techno“ so beliebt gewordenen Mischung aus ungewöhnlichen Sounds in Verbindung mit treibenden Tanzrythmen, die in dieser Ära auch durch KLF (die ich nicht nur wegen der drei Buchstaben damals sehr gerne hörte), Irrestible Force, Higher Intelligence Agency und, natürlich Biosphere. Jenssen ist außerdem Extrem-Höhenbergsteiger mit 8.000er Erfahrung (Cho Oyu, 2011). Sicher prägt auch das die Entwicklung seiner Sounds, die durch eine tiefere Ruhe und große Focussierung gekennzeichnet sind. Gleichwohl ist der Sound dieses Stückes, entnommen aus seinem 1997er Album „Substrata“, treibend und poppiger als vergleichbarke Tracks von Jenssen.

2011 erschein sein Konzeptalbum N-Plans, in dem er sich mit japanischen Atomkraftwerken beschäftigte. Bei seinen Recherchen ist er auf ein Foto des am Meer geplanten Kernkraftwerkes Mihama gestoßen, was ihn ungemein faszinierte. Das Album liefert daraufhin einen Soundtrack der Werke, das sich mit der Architektur, dem Design, der Standwortwahl und potentiellen Gefahr bei Erdbeben auseinandersetzt. Es wurde am 13. Februar 2011 fertiggestellt. Nur 4 Wochen später geschah die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Pitchfork Media nannte es das beste Biosphere-Album seit Substrata.

• Laurie Spiegel – Patchwork

Die 1945 geborene Amerikanerin Laurie Spiegel spielte in ihrer Jugend Gitarre, Banjo und Mandoline. In den 1970er Jahren zählte Spiegel zu den Pionieren der Computermusik in New York und verwendete erstmals Algorithmen für ihre Kompositionen. Werke aus dieser Zeit erschienen auf dem Album The Expanding Universe beim Label Philo. Später entfernte sie sich von der Avantgardeszene. Trotz komplexer kompositorischer Strukturen und des Einsatzes moderner elektronischer Technologie steht bei ihren Kompositionen der musikalische Ausdruck im Vordergrund.

Als sie selbst einmal gefragt wurde, wie sie ihre Musik einem potentiellen Hörer erklären würde, erklärte sie, dass sie gar nicht erst den Versuch einer Erklärung unternehmen würde, da sich Musik einer Übersetzung in Text entzöge. „Musik ist nicht verbal oder konzeptionell“, so Spiegel. Widerrum gefragt, wofür ihre Musik sei: „Sie ist zum Anhören. Obwohl ich manchmal sogar Musik nur zur Freude während der Kreation (Entwicklung) schreibe, normalerweise Klavier- oder Gitarrenmusik„. Ihr Interviewpartner korrigierte sich, und präzisierte, dass er mit „wofür ihre Musik sei“ meinte, für welches Instrument (abspielenderweise): Daraufhin Spiegel: „Speziell für Plattenspieler. Gemacht mit dem Computer.“

Speed of Light Ruhr SOL NVA nvasol Ruhrgebiet Deutschland Germany Presseevent Kokerei Hansa Dortmund Alf Dahl

04. Oktober 2013: Nordsternpark Gelsenkirchen

• Nurse with Wound – Funeral Music for Perez Prado

Beerdigungsmusik (funeral) ist vielleicht zunächst nicht das, was man hier zum Einstieg als Soundbett erwartet. Schon gar nicht vom „König des Mambo“, als der der Kubaner beispielsweise aufgrund seiner Kompositionen Mambo #5 oder #8 bekannt ist. War.  Prado lebte und schuf von 1916 bis 1989. Der konkret verwendete Track nun war nicht von ihm selbst, sondern von der verwundeten Krankenschwester. Die Gruppe wurde 1978 von den britischen Musikern Steven Stapleton, John Fothergrill und Heeman Pathak gegründet, und ist zur Avantgarde zu zählen. Ihr dunkler Stil frühe(re)r Jahre, der sich stark an Surrealismus und Musique conrete orientierte, hat sich mittlerweile in Minimalismus gewandelt.

• The Black Dog – M1 (bis Minute 04:50)

Angelehnt an den britischen Euphemismus für bevorstehendes Schicksal, gründete sic „der schwarze Hund“ Anfang der 1990er als Trio aus Ken Downie, Ed Handley und Andy Turner. Anfangs als herausfordernde, unerbittliche Kombination aus frühem Techno und Hip-Hop mit einer Vorliebe für ungewöhnliche Taktzahlen, etablierte sich die Gruppe in den darauffolgenden Jahren im United Kingdom mit „intelligent techno“, als Debut 1993 mit ihrem Album „Bytes“. Elektronische Tanzmusik, die gleichermaßen zum Hören zu Hause geeignet war, und damit in einer Reihe mit Künstlern wie Autechre (fantastisch!), Aphex Twin und μ-Zig stand. Ihr ursprünglicher Alias „Black Dog“ wandelte sich mit der Zeit in den Namen „Plaid“, unter der das (nunmehr noch) Duo aus Handley und Turner. Anfang Oktober 2013 vertone Plaid die 2006er Adaption von Michael Arias des Anime-Mangas Tekkonikinkreet von Taiyo Matsumoto, über die man sich ein gutes Bild des aktuellen Standes der Künstler machen kann.

• Biosphere – Poa Alpina

(siehe oben)

„Poa Alpina“ stammet ebenfalls aus dem Album Substrata, akustisch ist es eine langsame, ruhige, friedliche und regelrecht weit herauslaufende, einsame Fläche.

• Higher Intelligence Agency – Delta

Als ich in das erste Stück von HID bei der Vorbereitung zu diesem Beitrag reingehört habe, erinnerte mich „Hubble“ (1995) mit seinen glasklaren Synthesizern und der strengen Rythmik ungemein an Kraftwerk. Schnell wandelte sich das mit der sich in das Stück hineinschleichenden 303er, die durch ihren widerrum minimalen, repetitiv und hallenden Einsatz persönlich Anleihen an Hardfloor schaffte, schlussletztlich wahrscheinlich einfach stellvertretend für den technoiden Sound der 90er steht. Der Track Delta geht konsequent in diese Richtung weiter, ergänzt um weiteres Gefiepe und herrlich digital modulierte Snares – die wahre Begeisterung für dieses Stück erschließt sich für den späten Hörer erst in Zusammhang mit der Lichtchoreographie von Speed of Light Ruhr, die genau auf die Rythmik abgestimmt war. Noch besonderer war die Erfahrung als Gruppe mittendrin, mit der Natur und dem Publikum und der Musik und dem Licht um uns herum. An der Stelle gebe ich Laurie Spiegel völlig recht, das ist mit Text einfach nicht ausreichend erklärbar. Higher Intelligence Agency hingegen schon: Ein Musikprojekt rund um Bobby Bird und Teilzeit-Kollaborateur Dave Wheels, im weiteren Dunstkreis auch mit Geir Jenssen (->Biosphere). Gegründet wurde das Projekt 1992 als Experiment für Live-Auftritte bei Birds Oscillate-Partys, einer Veranstaltungsreihe ab 1992 mit improvisierter elektronischer Musik in der Birminghamer Clubszene.

 Speed of Light Ruhr SOL Ruhr SOL Ruhrgebiet nvasol NVA Zeche Zollverein Heritage World Zoll

04. Oktober 2013: Welterbe Zollverein Essen

• Thomas Köner – Ilira

(siehe oben)

• Tom Opdahl – Anthropomorphism

Den Track werde ich in Verbindung mit der Location und Setting sicher mein ganzes Leben nicht mehr vergessen (diesen Satz haben diverse Tracks auf allen Sets verdient, doch hier verwende ich ihn einfach mal eingangs), weil: Dieser düstere, industrielle und immerwährende Loop am Anfang, in den sich immer mehr eine traumhafte, kurze, Sequenz ebenfalls in Schleife regelrecht in das Bewusstsein des Hörers hineinarbeitet, hineinsägt, um dann langsam zu zerfließen. Was übrigbleibt, ist nur noch das ursprüngliche, maschinenhaft rythmische Bett, weit weg und schön analog. Das perfekte Outro, denkt man, doch dann erscheint am hörbaren Horizont wieder diese laufende Schleife, arbeitet sich an die Grenze zum Wahrnehmbaren zurück, nur um gegen Ende das ganze Stück mitzunehmen und aufzulösen. Herrlich! Am Set des Weltkulturebene Zollverein stand die Akustik im Gegensatz zum Raum, der mit tausenden Zuschauern und mehreren Ebenen Industriekultur klar begrenzt und abgesteckt war, die Formen ebenfalls im Kontrast nicht organisch, sondern eckig und diametral gespiegelt.

Eine der kompliziertesten, atmosphärischsten Choreographien, für dessen Einlauf und Beginn unter dem Beifall der Zuschauer Tom Opdahls Veröffentlichung aus dem 2001er Album „Black Smoker“ genutzt wurde. Das Album wurde widerrum von Geir Jenssen produziert (->Biosphere), Opdahl und Jenssen verbindet außerdem ihre Liebe zur Natur und zum Sport. Der Norweger verantwortet neben Ambient Techno auch Musik für Theaterinszenierungen, Tanzproduktionen und Kurzfilme.

• Cliff Martinez – Maybe You’re my Puppet

Manchem ist Cliff Martinez mit diesem Track vielleicht aus dem Soundtrack zu Solaris bekannt, dem seichten Sci-Fi-Psychodrama mit George Clooney von Steven Soderberg aus dem Jahr 2002 (nicht zu verwechseln mit dem grandiosen „Gravity“ mit George Clooney aus dem Jahr 2013). Um so mehr schätze ich Martinez für den Drive-Soundtrack, beispielsweise in under Your Spell, Tick of the Clock oder I Drive. Einem der besten Filme (und Soundtracks) aller Zeiten, die mich maßgeblich beim Laufen beeinflussen. Wie auch bei SOL additiert sich die Wirkung des Visuellen und Akustischen, einzeln und leise am Computer gehört entfaltet die Musik auch des amerikanischen Filmmusikproduzenten Cliff Martinez weit weniger Wirkung als auf großer Fläche. Wobei der Mann mit der Bühne als Drummer der Red Hot Chili Peppers reichlich Erfahrung hat, 2012 wurde er dafür in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen.

• Higher Intelligence Agency – Delta 

(siehe oben)

SOL Ruhr Speed of Light Ruhrgebiet Oberhausen Centro CentrO Mall Center Shopping nvasol Angus Farquhar

05. Oktober 2013: CentrO Oberhausen

Die Beschreibungen zu den jeweiligen Künstlern findet ihr weiter oben – am Abschlusstag änderten sich nur noch die Tracks für die jeweils auf die einzelnen Locations maßgeschneiderten Choreographien. Mit einer Ausnahme: Test Dept, der Industrial-Band von Angus:

• Laurie Spiegel – The Expanding Universe
• Taylor Dupree – Everything’s Gone Grey
• Higher Intelligence Agency – Conoid Tone
• Atom Heart – Tuff Transmitter

Speed of Light Ruhr Finale Duisburg Landschaftspark Nord Pöhler Macbeth Redemption Sequence final Gecko Runner Sheep Test Angus Test Dept

05. Oktober 2013: Landschaftspark Duisburg-Nord

• Robert Henke – Signal to Noise II
• Biosphere – The Eye of the Cyclone
• Atom Heart & Tetsu Inoue – Lotus
• Robert Henke – Signal to Noise II

• Test Dept – Demonomania


Test Dept wurde in den beginnenden 1980er Jahren von den aus Glasgow stammenden  Musikern Alastair Adams, Paul Jamrozy, Angus Farquhar, Graham Cunnington, Tony Cudlip, Toby Burdon und Paul Hines gegründet. Die Band gilt als eine der einflussreichsten Industrial-Gruppen. Obwohl ich noch sehr jung war, kann ich mich gut daran erinnern, dass ich eine CD mit Tracks von Test Dept besaß (damals nicht aus dem Internet, sondern WoM, World of Music, wer die Kette vielleicht noch kannte).

Doch die Band war für meinen adoleszenten Musikgeschmack mit damals gerade mal 12 Jahren vielleicht noch ein wenig hart und arythmisch. Außerdem erschlossen sich mangels meiner damaligen Englischkenntnisse die politisch motivierten Inhalte und Botschaften nicht, so dass ich in die eher poppige und emotional einfacher erlebbare Welt von Depeche Mode abdriftete. Damit verpasste ich die Arbeit einer Gruppe, die nicht nur mehrmals mit den deutschen Musikern der Einstürzenden Neubauten zusammenarbeitete, sondern auch Theatergruppen wie Brith Gof im Album Gododdin. Den Anfängen von Depeche Mode übrigens nicht unähnlich, griffen die Musiker anfangs zu so ziemlich allem, mit dem Töne erzeugen ließen. Vorzugsweise war das bei Test Dept Schrott aus Brachland und verlassenen Fabriken, dementsprechend industriell klang ihre Musik, die daneben von treibender Perskussion und verschiedenen Einflüssen und Stilen geprägt war, darunter auch Techno.

„Demonomania“ ist in der Abschlußsequenz von Speed of Light Ruhr das vorletzte Stück aller Aufführungen. Eine ganz besondere Show am 2. Set des Duisburger Landschaftspark Nord, in dem die Läufer weniger Laufen als Darsteller auf einer Bühne sind, in einem sehr klar durch die Betonwände und Pöhler umrissenen, gefangennehmenden Raum. Musik und Figuren als Geschichte, Alliteration der menschlichen Suche im Sein. Finden wir Freiheit? Das Stück liefert mit seinem teils chaotischen Crescendo in Verbindung mit tribaler Rythmik und echoartiger Verzagtheit den akustischen Grund für das durch uns in den Lichtanzügen dargestellte „Chaos“, kurz vor Perez Prado am Pöhler, der Figur der rotierenden, zentralisierenden Haddsch, die mit Stillstand, Dunkelheit, und den Blicken gen Himmel endet, bevor wir uns kollektiv die Hand auf die einzig verbliebene Lichtquelle legen – unsere Stirnlampen. Ein athletisches, illuminiertes Bühnenstück als philosophische Parabel. Finden wir Freiheit? Diese Frage wird bewusst für den Zuschauer, Zuhörer nicht aufgelöst. Vielleicht, weil sie niemals aufgelöst werden kann.

Zum Abschluß und unserem finalen Abgang: Nurse with Wound – Funeral Music for Perez Prado. Passt. Perfekt.

Speed of Light Ruhr Silvio De Negri Duisburg Landschaftspark Ruhr Tourismus Deutschland Ruhrgebiet End Scene

1st witch: „when shall we three meet again?“
2nd witch: „in thunder lightning, or in rain“
3rd witch: „when the hurly-burly´s done. when the battle´s lost and won!“

(Foto: Silvio De Negri, www.sndbild.de)

Zugabe

Zwar gibt es bei Speed of Light keine Zugaben, doch hier im Blog können wir so frei sein. Denn die letztlich in den Shows verwendeten Sounds sind lange noch nicht alles, was Mastermind Angus Farquhar (selbst mit dem oben genannten Test Dept Musiker mit musikalischen Wurzeln im Schottland der 60er, 70er und 80er Jahre) in petto und Plattenkoffer hat. Beispielsweise ihn hier, der während der Proben für die Aufführung am Weltkulturerbe Zollverein Teil der Choreographien war. Letztlich wurde es während der Shows aber zugunsten anderer Tracks nicht verwendet (mehr im bald folgenden Interview mit Angus Farquhar). Zum Abschluss verlinke ich euch direkt meine persönlichen Lieblingsstücke aus allen Choreographien – auch wenn YouTube ja meist nur einen Klick entfernt ist. Oh, und wenn ich euch zum Abschluss auch noch eine musikalische Empfehlung geben darf: Spotify. Probiert es einfach mal aus (48 Stunden kostenfrei ohne besonderes Buhei, 30 Tage kostenfrei mit Kreditkarte).

Sagen wir mal so: Ich bin dank Spotify wieder in diesem Plattenremittendenlager, nur diesmal mit A-Ware und millionenfach gefüllten Regalen. Akustische Ubiquität für lächerliche 9,90 Euro im Monat. Zwar keine 12 Jahre mehr jung, doch es fühlt sich fast noch besser an. Nach Speed of Light Ruhr ohnehin. Während draußen das Gewitter tobt, und ich diese Zeilen schreibe, läuft leise im Hintergrund Nicolas Jaar, Too Many Kids Finding Rain In The Dust und Space Is Only Noise If You Can See. Noch so ein netter Nebeneffekt.

• Conrad Schnitzler – Ballet Statique

Es gab (und gibt) Kraftwerk. Und Menschen, die dafür Wegbereiter waren. Conrad „Conny“ Schnitzler war als Gründer von Tangerine Dream (1970) einer davon. Geboren 1937 in Düsseldorf, stand er ganz am Anfang des großen musikalischen Aufbruchs in den Spätsechzigern. Sein Einfluss auf die elektronische Musik ist nicht hoch genug einzuschätzen. Dass er dabei stets eher wenig bekannt und im Hintergrund war, bedingten seine Persönlichkeit und radikales Kunstverständnis. Schnitzler war Schüler des Objekt- und Aktionskünstlers Joseph Beyus und besorgte Kraftwerk ihren ersten Synthesizer. Schnitzler, der 2011 in Berlin verstarb, verstand sich nie als Musiker, sondern Künstler.

In der Tradition Beuys wie jedermann, der sich dazu entschließt.

• Best of SOL Ruhr

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Dta7zoEYp6o]

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=hc79o6bP6bo]

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=bH3rI1_jETc]

 

(Visited 84 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.