I ♥ Cat Sailing

Am Wochenende setze ich die Segel in Vlaanderen, südlichste Region von Zeeland in Holland. Es geht in den Bungalowpark Braakman, zur Katamaranschule Zeemeeuw, mit dem Quad durch die Dünen, mit dem Bokart über den stürmischen Strand und im Kanu durch seichte Wasserstraßen. Drei Tage maritime Aerosole und Spaß pur!

Hier in Teil 1 stelle ich euch zunächst die Katamaranschule vor. Der Samstag war dort einfach phänomenal, menschlich wie sportlich. Wenn ich vor der Wahl stünde, euch in diesem Jahr nur eine einzige Empfehlung geben zu können, gälte sie Eric Schijve und seiner Familie. Gültig für den Fall, dass ihr auch nur einen klitzekleinen Funken Interesse an Sport habt, und euch vorstellen könnt, Spaß und Sport am Strand und Meer zu verbinden.

Die Katamaranschoole „De Zeemeuw“ ist am südlichsten Strand der gesamten Niederlande verortet, direkt neben dem gleichnamigen Strandpavillion (Strandlokal in den Dünen) und direkt neben Belgien, zwischen Cadzand (NL) und Knokke (BE).  Ich kann nicht für alle Pavillons sprechen, doch die Seemöwe ist wirklich eine Wucht. Hell, holzig und urgemütlich. Der Kaffee am morgen und das Mittagessen mit Omlett, Strammen Max und kühlem Weizen war klasse, das Panorama auf den Strand unbezahlbar. Das Team ist aufmerksam und freundlich, Stimmung und Publikum familiär. Womit das schon wieder die zweite Empfehlung wäre, aber nun.

Grüne Grenze
Nur einige hundert Meter weiter südwestlich liegt Belgien, die Grenze ist grün und der Übergang sprichwörtlich fließend: Im Naturschutzgebiet „Het Zwin“ renaturieren die Staaten die Küste dergestalt, dass dem Wasser das Land zurückgegeben wird. Das Meer erobert so langsam Fläche zurück, das Gebiet zeichnet sich durch Naturstrand aus. Wunderschöne Natur, die urwaldähnliche Haine und wilde Wiesen hinter den Dünen bietet, davor markanten Strand mit lebendiger Struktur: Durch den Einfluss von Wind und Wetter bleibt die Struktur nicht konsistent, das Gesicht der Landschaft ändert sich von Jahr zu Jahr. Die Menschen passen sich ihr in Symbiose an, nicht umgekehrt. Die Botschaft des letzten Satz war der erste Gesprächsstoff, als ich morgens Eric Schijve traf. Der sympathische und sonnengegerbte Trainer kennt die Gegend von Kindesbeinen an.

Am Vormittag veranstaltet der hiesige Rotary-Club eine Strandpavillonwanderung für den guten Zweck. In der Gegend befindet sich rund 15 Pavillons, alle einen Kilometer voneinander entfernt. Eine gute Strecke, auf der an jeder Station Rast macht werden kann, und eine kleine Erfrischung wartet. Eine Hollandorgel am Hänger sorgt für ziemlich originale Stimmung, während sich die Wanderer langsam auf den Weg machen. Bahn frei für die Katamaranschule!

Schiffscontainer in den Dünen
Doch erst die Theorie, dann die Praxis. Wir machen es uns im Strandpavillon gemütlich, und sprechen über Land, Leute und die Segelschule. Schwerpunkt sind die Katamarane, flotte fünf an der Zahl. Heute ist es leider etwas zu windig, gelbe Flagge, auch wenn es auf den ersten Blick harmlos aussieht. Weiter hinten im Meer branden höhere Wellen, die es gerade Einsteigern wie mir sehr schwer machen. Lieber steigen wir am Tisch etwas in die Basics ein: Aufbau, Wind, Knoten, Karte und die Rettungsbrigade: Eric Schijve ist stolz darauf, unabhängig zu sein. In dem 12 Meter langen Schiffscontainer, der sich in die Dünen schmiegt, warten nicht nur dutzende Neoprenanzüge für Groß und Klein. Er ist auch die Garage des Jet-Ski-Powerbootes, das sich für noch viel mehr als nur Rettungsfahrten eignet. Bindet man eine weiche Auflage oder Wasserski hinten dran, lassen sich nicht nur Kinder gern johlend über das Wasser ziehen. Schijves Homebase ist urig, echt und pragmatisch. Es erinnert mich an die Werkstatt meines Vaters, bis hin zu dem Geruch von Holz und Seilen. Vielleicht schon mit ein Grund, weshalb mir alles auf so eine tiefschichtige Art und Weise angenehm und vertraut vorkommt.

Nachwuchsförderung
Überhaupt liegen Kinder der Katamaranschule am Herzen. Eric Schijve ist selbst Vater von drei Kindern, und bietet nicht nur deshalb kombinierte Schwimm- und Wandertouren an der Küste an, natürlich mit anschliessendem Strandpavilloneinkehr und heisser Schokolade. Selbst viertägige Survivalcamps in den belgischen Ardennen sind im Angebot für die jüngeren Semester. Erfahrungsgemäß ist dabei die Begeisterungsfähigkeit keine Frage des Alters – trotz iPhone & Co gibt es für Kinder nichts schöneres als Bewegung und die Natur. Entspricht unser beider Erfahrung.

Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte
In Bewegung kamen wir auf der anschließenden Entdeckungstour mit dem schuleigenen Quad. Ein starkes Teil, mit grobstolligen Reifen für den Sand. Gemeinsam bretterten wir durchs Naturschutzgebiet, was aber mit den hiesigen Bestimmungen kompatibel schien. Zumindest bis ich alleine an exponierter Stelle mal ein paar schnellere Runden zirkelte – schwupps, spazierte plötzlich die Polizei in den Dünen herum. Gemeinsam deuteten wir die Zeichen der Zeit richtig, und traten den (langsamen) Rückzug auf vier Reifen an. Laut Trainer ließen sich seit Jahren keine Ordnungskräfte blicken. Glücklicherweise blieb es auch dabei, vermutlich ist jetzt wieder einige Jahre Ruhe.

Es gibt klein schlechtes Wetter…
Nach diesem kleinen Aufwärmtraining schlüpfte ich in den (kurzen) Neoprenanzug, mit 19° und einigen sonnigen Abschnitten war es warm genug. Überhaupt, das Wetter. Angesagt war Regen, geboten wurde ein Mix aus allem Möglichen. Ein großes Problem, sagt Schijven, wenn der Wetterbericht nur schlechtes Wetter prognostiziert. So ist es meistens nicht, es gibt oft viele sonnige Abschnitte. Aufgrund der Lage ist Zeeland begünstigt, schnell reißen die Wolken für eine Weile auf, so auch heute. Über weite Strecken habe ich beim Sport gar nicht mitbekommen, welches Wetter gerade dran ist- einfach weil ich viel zu beschäftigt und bespaßt war. Kennt ihr das, wenn das Grinsen ganz automatisch ins Gesicht kriecht?

Go, Bokart, go!
Die Ebbe ist am frühen Nachmittag weit genug fortgeschritten. So haben wir eine möglichst ebene und feste Fläche, um mit den Bokart über den Strand zu flitzen. Auf den Bildern seht ihr es: Ein tiefer, stabiler Strandbuggy mit Stahlrohrrahmen, luftgefüllten Gummireifen und Segel. Gesteuert wird ausschliesslich mit den Händen, die die Querstange für das Vorderrad gleichermaßen bedienen wir das Zugseil für das Segel. Es gilt, den Wind für sich zu nutzen – die Fahrt hat viel mit Segeln gemein.

Leicht ließ sich bei dem starken Wind seine Richtung bestimmen. Zu Beginn begleitete mich auf der Hinterachse des Instruktors Sohn, um mich bei der Steuerung zu unterstützen. Es gilt, ein Gefühl für den Wind zu bekommen, die Reaktion des Karts und die nötigen Steuerungsmanöver. Wichtig ist das besonders für langsame und schnelle Wenden im und entgegen des Uhrzeigersinns, die mit der Steuerung des Vorderreifens und über die Justage des Segels (über das geführte Seil) parallel eingeleitet werden. Hat man die (wenigen) Essentials einmal verinnerlicht, bleibt man auch nicht mehr stehen oder stecken (im zu tiefen Sand), sondern kann immer und immer wieder seine Runden über den Strand drehen. Mit je nach Windstärke und Winkel zum Wind atemberaubenden Tempo, das einem das Gesicht sandstrahlt und die Gischt von Wasserkanälen ins Gesicht und den Körper treibt. Salzwasser! Speed! Der Sound des flatternden Segels und immer die Augen auf, um Rücksicht auf Spaziergänger zu nehmen, vorsichtig zu sein gegenüber den Powerkitern am Strand, die über lange, dünne und schnelle Leinen ihre Segel steuern. Die Kraft des Windes hebt sie dabei manchmal in die Luft. Ich vermeide tunlichst ihre Nähe, um keine Melange aus ihren Seilen und meinem Segel zu machen. Sonst heben wir noch gemeinsam ab…

Bokarting im Vergleich…
Es läuft besser als beim Surflehrgang im letzten Trip. Schon noch gefühlt 20 Minuten habe ich den Bogen raus. Mit der ganzen Familie Schijve drehen wir jetzt am Strand unsere Runden. Begleitet durch ein weiteres Bokart, Quad und Labrador. Für sie ist es ein nur ansatzweise an das Katamaransegeln heranreichender Ersatz, weil wegen des Windes doch gerade nichts geht. Eine Alternative, die mich jedoch völlig in ihren Bann zieht. Es gibt Parallelen zum Wasserski, der Zug an und in den Armen, die Unmittelbarkeit der Elemente. Wenn ich über den Strand zische, und mich die Wellung des Sandes durchrüttelt. Es erinnert mich an hartes Wasser bei hoher Geschwindigkeit unter den Füßen, an Kartfahren, an eine kleine Jolle.

Eric Schijve sagt, dass die dritte Dimension des Wassers und der Wellen die Exzellenz des Segelns mit dem Katamarans ausmacht. Die Weite des Meeres und die Eleganz der Geschwindigkeit. Ich glaube es ihm unbesehens, ungelernt und unerfahren, vermisse den Katamaran schon fast, dessen Erfahrung noch in der Zukunft liegt. Darauf freue ich mich ganz besonders, zum Beispiel bei einem dreitägigen Kurs in der Katamaranschule. Die Theorie passt auf wenige Seiten in einen Schnellhefter. Theorie ist laut Trainer etwas für das Eigenstudium. Gelernt wird dort draußen, und er zeigt mit dem Finger aufs Meer. So wie heute – reinsetzen und loslegen. Unvergesslich.

Powerkiten
Den ganzen Nachmittag hatten wir so zusammen unseren Spaß. Das Wetter wurde zunehmend kernig, Regenschauer peitschten Sand und Regen über den Strand. Der Wind wurde unberechenbarer, wir packten zusammen, waren aber noch nicht am Ende. Schnell noch Powerkiten ausprobieren. Anders als die Kite-Surfer bewegt man sich beim Powerkiten nur am Strand. So lernt man gleichzeitig die Grundlagen für das spätere Kite-Surfen, vor dem man jedoch erst einmal das Segel beherrschen muss. Und das ist gar nicht so einfach: Selbst mit dem kleinen 3 Meter-Schirm kann es einen von den Füßen reißen. Einige Meter durch die Luft tragen. Was durchaus beabsichtigt wird, Herr Schjive junior hatte jedenfalls sichtlich seinen Spaß. Ich auch, nur ohne Sprünge – an der Lenkstange eher für den Anfang konservativ, freute ich mich dafür über eine Vielzahl gelungener Manöver, Schwenks und Zug auf den Seilen. Spürte die Kraft, die im Kite steckt. The Power. Womit gleich schon der Name erklärt wäre.

Für die Fotos ging es dann am Ende nochmal aufs Ganze. Idealerweise sollte man nämlich nicht vor bzw. innerhalb der Flugbahn der Kites stehen, da die Halteseile ausgesprochen dünn und auf Spannung sind, die erzielten Geschwindigkeiten bei den Schwenks enorm hoch. Streift es am Hals, denkt ihr euch den Rest. Nein, vielleicht nicht ganz so extrem, aber wer will schon eine lange Narbe als Urlaubsandenken? Also. Lieber flach hinlegen, knipsen und in Sicherheit kriechen.

We love cat sailing
Wir verabschieden uns herzlich. Es wundert mich keine Sekunde, dass Erics ehemalige und auch älteste Schüler ihn ungeachtet der Jahrzehnte seither grüßen. Auch wir machen ab, in Kontakt zu bleiben. Nicht nur wegen des Artikels oder seinem Interesse an Social Media, sondern auch des Wassersports wegen. Am Ende schenkt er mir einen kleinen, echten Haifischzahn. Er ist in tadellosem Zustand, dabei aber fast anthrazitfarben. Das meistgesuchte Gut der Touristen hier am Strand. Die Färbung weist darauf hin, dass der Zahn sehr alt sein muss – Stoffe im Meehr färben und konservieren die Knochen. „I love cat sailing“ steht auf dem kleinen Shirt, das mir die Familie schenkt. Beide Sachen sind für einen besonderen, kleinen Menschen bestimmt, der sich bestimmt sehr darüber freuen wird. Liebe Familie Schijve, ich bin sehr berührt. Der Tag war toll und unvergesslich, ein ausdrückliches Dankeschön nochmal an dieser Stelle.
Am Ende ging es glücklich und bei herrlichen Sonnenschein zurück in meine bescheidene Hütte auf der Ferieninsel Braakman. Kurz noch im hiesigen Supermarkt versorgt, schließlich habe ich eine große Küche. Genaugenommen ist es ein Haus für 6 Personen, das ich da alleine bewohne, doch dazu morgen mehr…

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