Bei den Plankengöttern von Kamperland

Was in der letzten Folge geschah, lest ihr jetzt auch auf holland.com. In der aktuellen Ausgabe setzte ich den wilden Wellenritt via Wasserski fort. Nicht doof, mich im letzten Bericht titelnd nach Kamperland zurückzuwünschen. So kann ich heute gleich wieder hin, zu den Lords of the Boards (oder wie man hier sagt: Heren van de planken) vom Waterskizentrum Schotmann in, ja genau, Kamperland.

Der Nullpunkt
Ich habe keine nennenswerten Vorkenntnisse. Sieht man von einem lauschigen Abend auf der hiesigen Wasserskianlage im vergangenen Jahr einmal ab, an dessen Ende ich doch glatt sogar eine ganze Runde geschafft habe. Andere Kinder fuhren früher im Winter Ski – ich kannte nur die Winter Games von Epyx. Surfer finde ich cool, Strandmattenlook kenne ich aber persönlich nur von der Aufschrift der Haargeldose. Der Surfer-Einstiegskurs macht ja auch noch lange keinen Robby Naish aus mir. Solche Typen laufen hier heute allerdings herum: Lange Kerle mit blond-braunen, schulterlangen Haaren. Tiefenentspannt im Kapuzenpulli und Bermudashorts. Sunny lacht mich an, weil ich den Neoprenanzug „inside out“ trage, also verkehrt herum, und dann entspannt grinst, mir auf die Schulter klopfen, und ergänzt „when it work´s for you, it´s ok“. Ja, genau so hab ich mir das vorgestellt! Und natürlich ziehe ich mich nicht noch mal um, weil es wirklich workt.

Ansonsten überall normale Menschen. An der Anmeldung und Equipmentausgabe stehen alle artig an, mieten sich Westen, Anzüge, Boards, Wasserskier.  Hat man den Trubel durchschaut, geht der Rest flott vom Fuss, und man steht an der „eigenen“ Bahn, malerisch am Meer, mit blanken Füßen auf holzigen Planken.Die Wolken machen gar nichts aus, die Absenz der Sonne auch nicht: Das Setting ist einfach auch so maritim genug. Dank der Küste bläst der Wind stetig und ordentlich, knapp dran an der roten Flagge, die Bade- und Wasserskiverbot signalisiert.

Die Vorbereitung
In einer Kleingruppe gehen wir mit dem Trainer die Theorie von Wasserski durch: 1. Seil am Steg greifen, 2. in die Hocke gehen, 3. innerlich auf den kommenden Ruck vorbereiten, 4. durch den Ruck aufs Wasser gezogen werden, 5. Hintern, Schwerpunkt und Gleichgewicht unten halten, 6. langsam aufrichten, 7. die Fahrt genießen, 8. an den „Kurven“ und „Umspannpunkten“ der Seilanlage auf Zugverluste und Ruckelei am Seil einstellen, dort 9. Gleichgewicht weiter halten, am Ende 10. Seil loslassen und ausgleiten bzw. zum Steg schwimmen. Für eine neue, satte 820 Meter lange Runde.

Jedem Anfang soll ein Zauber innewohnen. Vielleicht ja auch ein ein Voodoo-Zauber: Trotz der Übersichtlichkeit der Theorie fiel die Umsetzung in der Praxis häufig sprichwörtlich ins Wasser. Die meisten aquatischen Noobs unserer Anfängertruppe hatten jedoch spätestens nach einem halben Dutzend Versuche den Bogen raus, und drehen begeistert ihre ersten Runde. Selbst zehrte ich tatsächlich noch von den Grundlagen aus vergangenem Jahr – der Start klappte schon direkt nach dem zweiten Mal, und ich genoss die rasante, lange Fahrt über die Wellen. Anders als auf dem heimischen See in Düsseldorf fährt man in Kamperland tatsächlich auf der Nordsee herself. Zwar nicht direkt am Strand, sondern einem abgegrenzten Bereich genau zwischen Walcheren und Noord-Beveland. Zur offenen Nordsee abgegrenzt per Deich, nach hinten hin offen zum Veerse Meer – ein Binnengewässer, das 1961 im Zuge des Deltaplans (Schutzsystem gegen Hochwasser und Sturmfluten in den Niederlanden) entstand. Dank nennenswertem Wellengang und Salzgehalt machen hier auch Süsswasserkapitäne ihr Seepatent.

Wieder ein unbeschreibliches Gefühl auf den Wasserskiern, die Geraden sind erhaben, windig, sonnig, salzig, schön. Gleichgewicht ist hier keine Schwierigkeit, die Konzentration und Vorausschau gilt der nächsten Biegung. Man sollte sie unbedingt sehr weit aussen anfahren, extrem weit aussen, so weit es geht aussen, der Körper dient mittels Gewichtsverlagerung der Steuerung (Sunny erwähnte das eingangs, doch das ist irgendwie auch sehr intuitiv). Das Ruckeln kommt trotz der Gegensteuerung trotzdem, es reisst einen fast von den Brettern (streicht für die Folgerunden das „fast“), und die Freude ist beinahe irre, wenn man dagegen besteht. Der Wind, das Wasser, die Wellen – man ist eins mit der Bewegung und den Elementen. Klingt total abgedroschen, ich weiß, kommt aber ziemlich genau hin.


Watch your back

Landet man ungeplant im Wasser, geht der erste Blick zurück. Sollte da jemand im Anflug sein (in jedem zweiten Fall der Fall), empfiehlt Sunny die Tauchstation; alternativ die schnell schwimmende Entfernung aus der Einflugschneise. Gar nicht so einfach mit Neopren, Helm und neongelber  Auftriebsweste. Außerdem sucht man in jedem zweiten Fall seine Wasserskier wieder zusammen, insbesondere dann, wenn man den Fehler begangen hat, nach einem Gleichgewichtsverlust die Stange nicht direkt loszulassen, die einen zieht. So ein Ritt bleibt dann zwar in Erinnerung, kommt aber etwas ungeplant um die Ecke, Blessuren nicht völlig ausgeschlossen. Außerdem reißen die Skier schneller ab, und man muss zurückschwimmen – konditionell kein Problem, aber besagte Einflugschneise ist nicht ganz ohne. Dann durch Blumenfelder zurückpatschen zur Basisstation. Gleichzeitig unwirklich und urtümlich, auf Wiesen patschnass und quatschend über Gleichgewichtsverlagerung und Wassersporttechnik seine Begeisterung im Zaum zu halten, wo einem doch vom Gesamterlebnis richtig das Herz aufgeht. Hier wird, anders als beim Laufsport, nicht diszipliniert Strecke gemacht und der Kampf innerlich und still ausgefochten, sondern Spaß und Gemeinschaft steht im Vordergrund. Und trotzdem ist es körperlich anspruchsvoll, ein idealer Ausgleich und einfach eine schöne Sache!

Rund 10 Runden später fand der Spaß sein feuchtfröhliches Ende, unprätentiöser als gedacht endet auch der coolste Wasserskitag im Auspellen, Abtrocken und Anziehen. Equipment zurückgegeben, und trocknen in den mitgebrachten, warmen Klamotten. Noch ein bisschen am Ufer sitzen, den Wind und die Wellen genießen, das warme und prickelnde Gefühl der Anstrengung im Körper erspüren, eine Stärkung im unmittelbar am Wasser und der Wasserskibahn gelegenen Biergarten auf der Terrasse genießen. Verabschiedet von der ganzen Gruppe. Fröhliche, glückliche Menschen, schöne Erinnerungen, Vorfreude auf das nächste Mal. Das Gefühl, zu Hause zu sein. Thuis. Weil es heute tatsächlich nach Hause geht, gilt jetzt erst recht: Ich will zurück nach Kamperland!

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