Die Ergebnisse der PACE-Studie

Besser spät als nie: Leistungseinbußen in der Lebensmitte beruhen eher auf passiver Lebensweise und liederlichem Lifestyle anstatt fortschreitender biologischer Alterung. Zu diesem Ergebnis kommt die PACE-Studie der Forschungsgruppe rund um den Sportmediziner Prof. Dr. Dr. Dieter Leyk von der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Die PACE-Studie (ein Akronym aus Performance, Age, Competition und Exercise) untersuchte rund 500.000 Halbmarathon- und Marathonis im Alter von 20 bis 80 Jahren. Als Datenbasis dienten Interviews, Umfragen und Auswertungen der Ergebnislisten von mehr als 120 Marathon- und 100 Halbmarathonwettbewerben in Deutschland der Jahre 2002 bis 2008. Weitere 13.000 Sportlerinnen und Sportler gaben außerdem  Auskunft über ihre Gewohnheiten im Alltag, ihre Gesundheit, Arbeit und Motivation für den Sport. Um detaillierte Informationen über die Hintergründe von Sportabstinenz zu erhalten, befragen die Forscher neben Sportlern auch tausende Inaktive.

Datenbasis: Marathon
Aus gutem Grund dienen der Studie Halbmarathon und Marathon als Untersuchungsmodell: Im Gegensatz zu kürzeren Distanzen über 5 oder 10 Kilometer bedingen die Strecken aufgrund ihrer Länge und körperlichen Belastungen üblicherweise einen längeren Trainingszeitraum und Ausrichtung der Freizeit auf den Sport. Wenig erstaunlich, dass sich deshalb in der Bevölkerung verbreitete, ungünstige gesundheitsrelevante Merkmale wie Rauchen, Bewegungsmangel und Adiposität bei Langstreckenläufern seltenst finden. Ideale Ausgangsvoraussetzungen bei der sportwissenschaftlichen Untersuchung: Beeinflussende „Störfaktoren“ sind damit eliminiert.

Methodischer Vorteil: Die Ergebnislisten der Marathonläufe bieten jede Menge epidemiologisch analysierbare Daten wie Alter, Geschlecht und erzielte Zeiten der Sportler.

Alter ist relativ
Oft wird bei nachlassender körperliche Leistungsfähigkeit auf die natürlichen Alterungsprozesse verwiesen. Zahlreiche sportmedizinische Studien kommen zu dem Schluss, dass nach dem 30. Lebensjahr die körperliche Leistungsfähigkeit pro Dekade um 10-15% abnimmt. Zweifellos ist Altern ein biologischer Vorgang, der zu objektivierbarem Leistungsverlust führt. Doch der Vergleich zwischen älteren Leistungssportlern und gleichaltrigen Pflegeheimbewohnern unterstreicht, dass der Alterungsprozess ausgesprochen individuell ist.

Die Analyse zeigt, dass vor dem 55. Lebensjahr keine nennenswert altersbedingten Leistungsverluste auftreten. Circa ein Viertel der Seniorensportler im Alter zwischen 60 bis 70 Jahren ist sogar leistungsfähiger als die Vergleichsgruppe der jüngeren Läufer im Alter von 20 bis 50 Jahren.

Besonders verblüfft sind die Sportmediziner von der großen Zahl älterer Neueinsteiger: Laut Fragebögen haben rund ein Drittel der 50 bis 60-jährigen erst in den letzten fünf Jahren mit regelmäßigem Training begonnen, neben einem Viertel der Befragten im Alter über 60 Jahre.Vor dem Hintergrund der Diskussionen zur Bequemlichkeit und Bewegungsarmut in einer alternden Gesellschaft ein schönes Ergebnis.

Was motiviert am meisten?
Die Motivation für Sport hat besonders mit Blick auf Präventionsmaßnahmen und die Zielgruppe, „Nicht-Sportler“, große Bedeutung. Die Befragungsergebnisse liefern überraschende Ergebnisse: Gründe wie „Gesundheit“ (54,2%) gewinnen zwar mit zunehmendem Alter an Bedeutung, werden aber im Vergleich zu den Motivatoren der eigenen Leistungsfähigkeit (83,2%), Stressabbau (76,5%) und Spaß am Sport (73,3%) deutlich seltener genannt.

Dieses Ergebnis steht im Gegensatz zur Ausrichtung zahlreicher Gesundheitsinitiativen, die vermehrt auf Krankheitsvermeidung und Risikofaktoren abstellen. Künftige Präventionskampagnen sollten daher stärker leistungs-, arbeits- und freizeitrelevante Aspekte berücksichtigen, um die Motivation der Menschen besser aufzugreifen.

Kleiner Aufwand, große Wirkung
Mit Blick auf den Erhalt der Ausdauerleistungsfähigkeit liefern die PACE-Studie ebenfalls erstaunliche Erkenntnisse. Die Vorstellung, dass eine hohe Leistungsfähigkeit im Alter nur durch umfangreicheres Training erzielbar ist wird durch die Angaben der Langstreckenläufer widerlegt: 20- bis 70-Jährige unterschieden sich nicht hinsichtlich der relevanten Trainingsparameter (Kilometer pro Woche, Anzahl der Training und Intensität).

Außerdem wird deutlich, dass die meisten Langstreckenläufer ein regelmäßiges und moderates Training durchführen, was sogar nicht wesentlich über die von der WHO präventivmedizinisch empfohlenen sportlichen Aktivitäten hinausgeht (5x Sport pro Woche für mindestens 30 Minuten) . Etwa die Hälfte der Ausdauertrainierten laufen nicht mehr als 3- bis 4-mal pro Woche bei einer mittleren Trainingsdauer von etwa 1 Stunde. Von einer Kompensation sinkender körperlicher Leistungsfähigkeit durch intensiveres Training oder gar Sportsucht kann also keine Rede sein.

Suchtmittel sind out
Neben den genannten Motivatoren zur sportlichen Aktivität wurde mit der Gewichtseinstufung nach WHO (BMI) und der Raucherquote zwei weitere präventivmedizinisch relevante Indikatoren analysiert: Die Raucherquote liegt bei Läufern bei immerhin noch rund 6,2%. Als ehemalige Raucher stufen sich rund ein Viertel der Befragten ein (23,3%), 70,5% haben nie regelmäßig geraucht.

Läuferinnen (21,7 ± 2,3) haben deutlich niedrigere BMI-Werte (p < 0,01) als Läufer (23,7 ± 2,3). Mit zunehmenden Alter nimmt der BMI lediglich bei den Männern geringfügig zu (p < 0,01). Die BMI-Werte der befragten Ausdauersportler verteilen sich hinsichtlich der WHO-Einteilung folgendermaßen: 1,3% mit BMI < 18,5; 77% mit BMI ≥ 18,5 und < 25; 20,5% mit BMI ≥ 25 und < 30; 1,2% mit BMI ≥ 30. Mehr Infos zum Thema BMI auch hier.

Fazit
Die Ergebnisse belegen, das mit einem entsprechenden (und durchaus noch moderaten) Training auch im mittleren und höheren Alter gute Ergebnisse erzielt werden können. Umgekehrt sind Leistungseinbußen eher Folge eines passiven Lebensstils. Lifestyle-Faktoren wie Bequemlichkeit durch das Auto, Bewegungsarmut durch das Fernsehen,  Suchtmittelkonsum mit Rauchen und Alkohol sowie schlechte und/oder überreiche Ernährung haben einen bedeutend stärken Einfluss auf die Leistungsfähigkeit und Gesundheit als die biologische Alterung per se. Von den Alten lernen heißt halt noch immer siegen lernen.

Über die PACE-Studie
Die PACE-Studie wurde im Jahr 2005 ins Leben gerufen und seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. Ziel ist, Zusammenhänge zwischen Alter, Lebensstil und Sport in epidemiologisch relevantem Umfang zu untersuchen.

Bei der seit 2005 laufenden PACE-Studie in Köln unter anderem körperlich aktive und inaktive Berufstätige, Rechner und andere sportlich aktive Vergleichsgruppen (etwa Läufer, Radsportler, Schwimmer, Turner, Krafttrainierte) untersucht. Mit Blick auf den demografischen Wandel haben die Ergebnisse der Studie eine besondere Bedeutung für das Gesundheits- und Wirtschaftssystem. Mit Blick auf das Thema Vorsorge und Prävention hat Motivation einen besonderen Stellenwert. Das überraschende Ergebnis der Studie: Das Motiv „gesundheitliche Gründe“ gewinnt zwar mit zunehmenden Alter an Bedeutung, wird aber im Vergleich durch die Motivatoren Leistungsfähigkeit, Stressbewältigung und Spaß eindeutig deutlich seltener genannt. Was signifikant im Gegensatz zur Ausrichtung zahlreicher Gesundheitsinitiativen steht, die vermehrt Risikofaktoren und Krankheitsvermeidung fokussieren.

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