Die Liebe (Upd.)

Der US-amerikanische Soziologe Albert Hirschmann brachte es auf den Punkt, als er das Staatsziel in der Verfassung umkehrte: Aus „pursuit of happiness“ (dem Streben nach Glück) wird heute „happiness of pursuit“, dem Glück, nach etwas zu streben. Wir verlangen nicht nach Befriedigung, sondern wir befriedigen uns durch Verlangen. Jean-Paul Sartre, der vor 70 Jahren das Credo formulierte, der Mensch solle sich fortwährend neu erfinden, ahnte noch nicht entfernt, welcher gewaltige Konsum mit dieser Forderung einhergehen würde. Wichtiger, als sein Glück – wohlmöglich noch dauerhaft – zu fnden, ist die fortwährende Suche. Das gilt für unsere heutige Konsumgesellschaft genau wie für die Liebe. Wo Wohlstand ist, da ist auch Anspruch nicht fern, davon zu profitieren, und zwar materiell wie ideell. Geld verschafft nicht nur Waren, es maximiert auch die Lebensmöglichkeiten. Je größer die Auswahl ist, umso mehr fällt bei uns durch. Unsere Kultur ist nicht nur eine Kultur des Ja-Sagens, sondern vielmehr des Nein-Sagens. In beiden Fällen.
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Die Verschmelzung von Liebes- und Religionsphantasie ist nicht abwegig. Denn vermutlich liegen die Bedürfnisse entwicklungsgeschichtlich sehr nahe beieinander. Für die Biologie des Menschen ist das eine so überflüssig wie das andere: die geschlechtliche Liebe und der religiöse Glaube. Dass es die Sehnsucht trotzdem gibt bei den meisten Menschen, erscheint in beiden Fällen als ein Nebenprodukt unserer Sensibilität. Beide versuchen sie die große Leere zu füllen, die die Frage nach dem Sinn aufgerissen hat, sobald Menschen das erste Mal in der Lage waren, sie zu stellen. Religiösität und Liebe sind die Spandrels unserer emotionalen und sozialen Intelligenz.
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Der moderne Mittelstandsmensch setzt sich bereits bei der Wahl seiner Lieblingssongs in ein abgegrenztes Verhältnis zur Welt (besser: er versucht es, denn er bildet damit schon wieder Gemeinschaften, Einzigartigkeit erreicht man damit nicht). Die Dinge, über die ich mich definiere, veralten dabei zumeist in atemberaubenden Tempo. Jede Wahl wartet auf ihre Neuwahl. Und nicht nur „lebenslanges Lernen“ lautet die Maxime, sondern auch „lebenlanges Meckern“. Kein Wunder also, dass die Idee der romantischen Liebe in heutiger Zeit die Ansprüche oft höher wachsen lässt als die Möglichkeiten. Der Hauptgrund zum Meckern liegt dabei in den eigenen Möglichkeiten.
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Upd.
Kein Tier, vermutet der niederländische Verhaltensforscher Frans de Waal, wird so sehr von „inneren Konflikten geplagt“ wie der Mensch. Was seine Liebesgefühle angeht, so idealisierte die Romantik die Verschmelzung mit dem Partner auf eine so totale Weise, dass dem Leben kaum noch Luft bleibt. Kein Wunder, dass dieser ekstatische Moment ursprünglich auch nur als Momentaufnahme gedacht war. Wenn er Leben gewann, dann nur als Fiktion in der Literatur. Das 19. Jahrhundert übertrug diesen Gedanken vereinzelt und zaghaft in die Realität. Und erst das 20. Jahrhundert machte daraus eine allgemeine Erwartungshaltung an die Liebesbeziehung. Die heutigen unordentlichen Konflikte zwischen Mann und Frau – Treue und Untreue, Bindung und Rückbindung, Selbstverwirklichung und Familie – sind ihre Folgen. Solche „Wahrscheinlichkeitsspiele“ hatten in den Jahrhunderten zuvor keinen Raum, denn ihre Ansprüche waren nicht legitim. // Der Mangel an Wert- und Identitätsgefühl in der heutigen Mittelschicht ist keine Folge von übertriebenem Egoismus und ungezügelter Sexualmoral. In einer Angebotsgesellschaft, die neben der Chance auch den Zwang zur Individualisierung mit sich bringt, explodieren die Werte geradezu. Nicht Wertemangel, sondern ein Zuviel an Werten sorgt eute allerorten für Orientierungsverlust. Im Strauchdickicht zwischen „echtem“ Gefühl und gekauften Waren, zwischen Wohlstands- und Herzensromantik. geht man leicht verloren. Mitunter ist der Karibikurlaub auch ohne Partner romantisch; der Partner ohne Karibik allerdings nicht mehr. Wie haben nicht weniger Werte als früher, sondern mehr. Glück in der Beziehung ist unsere Sehnsucht. Eine Beziehung ohne Glück aber ist keine Lösung. Unsere Ansprüche haben längst alle früheren Ansprüche verblassen lassen. Auf den Balplätzen der Individuen punktet Besonderheit heute mehr als Verlässlichkeit. Das Paradoxe an der Situation ist: Was wir von der Liebe wollen und was wir in der Liebe wollen, passt kaum noch zusammen. Von der Liebe wollen wir Halt und Bindung, in der Liebe Freiheit und Aufregung. In unseren Gehirnen tummeln sich die Phantasien und wechseln unausgesetzt den Sitzplatz zwischen Realität und Fiktion.
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„Wenige Leute würden sich verlieben, wenn sie nicht davon gehört hätten“
(La Rochefoucauld
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Auszug aus: „Liebe – ein unordentliches Gefühl“ von Richard David Precht. Ein fantastisches Buch. Rezepte gegen die beschriebenen Zustände sind für mein Verständnis und Gefühl mehr denn je „Achtsamkeit“ und das zu schätzen und dafür dankbar zu sein, was man hat.

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