Test: Brooks PureGrit

Ich hab geleuert. Alle Daten und Fakten gesichtet, alle Maße und Features geblickt. Eigentlich wollte ich das gar nicht. Einfach mal den Schuh nehmen wie er ist, reinschlüpfen, loslaufen, ankommen, schreiben. Hab ich glücklicherweise auch genau so gemacht. Auf der Rückfahrt vom Hockenheimring hab ich ein bisschen was in mein Smartphone diktiert, alle Eindrücke, taufrisch. Und dann hab ich´s aufgeschrieben. Glücklicherweise, sonst wäre ich jetzt nach Nav Band, Ideal Heel, Biomogo DNA Midsole and Toe Flex vermutlich ein wenig aus dem Konzept, gar Kolone. Mindestens aber aufgrund des ursprünglichen Wesens dieses Schuhs.



.
Dabei hätte ich es wissen müssen. Das Paket kam, und ruckzuck was das obligatorische Angeberfoto vom Inhalt online. Trainer Roman freute, was er da bei Facebook sah. und kommentierte: „Toller Schuh, kann viel Spaß machen„. Roman ist, das muss man wissen, nicht nur Trainer, sondern auch Orientierungslaufchamp und Trailmaster of the Universe. Beim Training im Wald war ich dankbar für seine bunten Taperings, was mich wenigstens noch ein bisschen in die Lage versetzte, ihn von hinten durch die Bäume beim Berglauf zu erspäen. Kurz gesagt: Er liebt es querfeldein. Und der Brooks PureGrit als Trailrunningschuh is made for querfeldein. Trailrunning!

Jetzt stieg die heutige Premiere an meinem Fuß bei allem anderen als meinem Freund, dem Baum. Eigentlich dem Gegenteil von Wald. Beim Feind. Rennstrecke. Hockenheimring-Lauf am 1.11.11 (Bericht zur Veranstaltung) Okay, die kennt Kiesbett und Curbs, sauber im Sinne von porentief rein sind die Schuhe auch nicht mehr. Einigen wir uns darauf, dass ich wenigstens den Charakter des Schuhs demnächst vorher lese. Wobei er sich trotz gerader Linien, ebenem Untergrund und sauberer Strecke ausgesprochen gut gemacht hat. Ganz hervorragend gut sogar.

Ehrenrettungshalber sei gesagt, dass ich den PureGrit im Hinterkopf als Racer gebucht habe, wie schon den T7 jüngst beim Firmenlauf. Bei Pure drängte sich das auf, betont reduziert und leicht. Bei Grit dachte ich erst an Grid, damit an Daft Punk, dann assoziierte ich frei Codemasters Grid – zack, war ich beim Rennsport. Beim Hockenheimring war ich seit zwei Wochen ohnein, und so fügte sich eins zum anderen. Dabei meint „pure“ einfach nur, dass aufgrund der Bauform die ideale biomechanische Ausrichtung eines jeden Läufers in seinem Bewegungsablauf proaktiv unterstützt wird. Und das geht so: Die größere Auflagefläche im Vorfuß garantiert mehr Halt während des Laufs. Außerdem verhindert das Sohlenbrofil das Wegrutschen. Eingebaute, biometrische Neuheiten (siehe Buzzwords oben) schaffen ein natürliches Laufgefühl.

Das liest sich jetzt etwas abstrakt. Ich hab ja gesagt, ich hab geleuert. Das war jetzt beispielsweise mal die Kurzbeschreibung von Brooks, die so weit so gut die Vorteile herausstellt, aber wie fühlt sich das eigentlich beim Laufen an? Und… stimmt das überhaupt?

Nochmal zu Roman: Macht Spaß, der Schuh! Normalerweise machen meine Schuhe keine Späße. Dauernd werden sie getreten, daher fahre ich mit ihrem Schweigen eigentlich noch ganz gut. Mein Verhältnis zu Schuhen ist ein bisschen ambivalent. Am Anfang, im Laden, ja, da machen sie meist ganz schön was her! Fein herausgeputzt poussieren sie im Regal herum, am Ende landen sie in der Kiste, und zu Hause dürfen sie machen, was sie wollen. Bis sie das erste Mal draussen waren. Ab da fristen sie ihr Dasein draussen, vor der Haustüre. Wahlweise im Schuhschrank, oder, Achtung!, auf meiner Schuhpyramide. Tatsache, ich hab sie neuerdings so gestapelt. So passen und wachsen zwar weniger Schuhe in die Höhe, dafür ist die Form weit stabiler als das bisherige Rechteck. Über 2.000 Jahre alte Pyramiden-Technik, die jetzt mein Hausmeister einmal die Woche bestaunt. Doch lassen wir mal die Details beiseite, heute soll es pur und nur um den PureGrit gehen.

Also, Roman, Spaß. Freude am Fahren, Spaß am Laufen. Brooks hat mit dem PureGrit dafür den passenden (aufgepasst!) Entertrainer geschaffen. Jetzt kommt der Teil, der glücklicherweise vorgeschrieben ist. Wohlgemerkt alles auch ohne Kenntnis der oben genannten Fakten. Um so interessanter die beschriebenen Eindrücke. Unverfälscht. Pur.

So läuft sich der Brooks PureGrit
Ich hab meine Füße vergessen. Weg, total. Nicht das ganz seltene und selbstversunkene Weggetreten-sein beim Laufen, wo man noch nicht mal mehr merkt, dass man überhaupt läuft (in drei Jahren habe ich das erst eine handvoll Mal erlebt). Es waren exakt die Füße und Unterschenkel, die vollkommen Abgekoppelung von den restlichen Empfindungen waren. Der Ausblick auf die Strecke, die helle Sonne, die frische Luft, das laute Atmen und die Geräusche (Ohr!) des laufenden Feldes. Ein perfektes Gefühl für einen Läufer, quasi eine athletische Lokalanästhesie. Und das war bei Kilometer drei, von tauben Füßen kann also mal überhaupt keine Rede sein, sollte der Einwand jetzt kommen.

Das mit dem Vergessen ist also ein gutes, ja wunderbares Zeichen. Ich will nicht schreiben, dass ich „auf Wolken lief“ (erstens ist das Quatsch, zweitens weiß ich nicht, wie sich das anfühlt, drittens war da eben kein Gefühl mehr), sondern beide Füße waren einfach … weg. Es lief einfach, sprichwörtlich. Und in dem Moment, wo ich mir darüber bewusst wurde, und anfing, drüber nachzudenken, hab ich sie natürlich wieder gespürt. Den Untergrund. Die Rennstrecke. Sehr guter Kontakt zum Boden. Die Tritte wirklich anders wahrgenommen. Das Gefühl, den Untergrund durch die Sohle spüren zu können, zu ertasten. Bei einer glatt asphaltierten Strecke will das was heissen! (Hier drängt sich zwangsläufig auch noch der Gedanke und Satz auf, es kaum erwarten zu können, die Schuhe dann wirklich mal im Gelände auszuprobieren!).

Der PureGrit ist nicht unbedingt ein stabilisierender Schuh für Überpronierer wie mich. Andererseits habe ich Seitenhalt bei ihm auch nicht nicht vermisst… mein Körper vielleicht schon ein bisschen, da muss ich nochmal reinhorchen, wie sich das so entwickeln wird, was der Körper abschiessend dazu sagen wird. Zehen haben gut Platz, der Mittelteil wird gut gestützt (nicht im Sinne eines stützenden Schuhs, sondern bezogen auf den fühlbaren Kontakt zwischen Material und Fuß), die Ferse fest umschlossen. Da hat man die Freiheiten, wo man sie benötigt (vorne), meine Zehen haben sich bedankt. Alles im, äh, grünen Bereich – kein Zeh blau (sozusagen meine Archillesferse, aufgrund meines ausgeprägten Abroll-/“Greif“-Reflex. Summa summarum ein super Gefühl IM Schuh. Und auch drumrum, das Material ist schön weich und gleichzeitig glatt, geschmeidig. Schlüpfrig. Extrem angenehm, das wäre sogar etwas als Straßenschuh (jedenfalls sind meine normalen Straßenschuhe Welten von diesem Komfort entfernt). Überhaupt, am Fuß fühlt man keinen Fremdkörper mehr – der PureGrit ist die Verlängerung meiner Füße. Nicht zu vergleichen mit den Schaum-Gummi-Wannen einiger anderer Hersteller.

Kleine emotionale Randnotiz: Beim Kauf meiner allerersten Laufschuhe, adidas supernova control, war ich Anfang 2008 der Meinung, dass Image nichts ist, Funktion alles. Für das Daily Running mag das absolut seine Richtigkeit haben. Heute ist es mit dem PureGrit aber ausnahmsweise anders gegangen. Diesmal war es wirklich ganz cool, so … bezaubernde Schuhe zu tragen, in giftgrünen Look, ziemlich und sportausstattliche Speerspitze. Vom Design gefallen sie mir sehr gut – da hatte ich was besonders am Fuß. Nicht, dass man groß rumposed, aber es ist einfach ein gutes Gefühl, wenn man dann auch schon mal eine Sabrina Mockenhaupt trifft, halt nicht irgendwelche lilanen Klotz an den Füßen zu haben, sondern mit einem vernünftigen Schuh aufzutreten, der irgendwie reinpasst.

Gut gefällt auch die chitinpanzerartige Sprenkelung der Oberseite. Könnte an Carbon erinnern (tut es auch, je länger ich es anschaue), wäre die Maserung etwas feinmaschiger. Sehr kleidsam auch die grüne, ja ich würde bei näherer Betrachtung sogar sagen: grüne und glitzernde Sohle. Grün-glitzernd. Dieser Zauber hält, anders als die Glitzer-Schnürsenkel vom T7, naturgemäß so gut wie nicht, da die Sohle einer belastungsbedingten Verschmutzung unterlegen ist. Und auch seltenst wieder so sauber geputzt wird (falls das überhaupt möglich ist). Apropos, ein spannender Punkt, den wir abseits der bewährten Wege und Waschprogramme (Baumwollbeutel, Waschmaschine) nachgehen sollten: Wie bekommt man versaute Schuhe wieder richtig refurbished?

Fazit
Fantastischer Schuh, Spaßgarant und Fußvergesser. Die vom Hersteller beworbene biomechanische Ausrichtung eines jeden Läufers, die in ihrem Bewegungsablauf proaktiv unterstützt wird, ist gelinde gesagt eine Untertreibung. Der PureGrit wäre mit meinen Fußen verwachsen, wäre das vorgesehen. So habe ich mich am Ende einfach darüber gefreut, einfach die Jeans drüberziehen zu können, ohne den schmalen Schuh dafür auszuiehen zu müssen. Solange die Schuhe noch kein echtes Gelände kennen, ist das ein sauberes Feature. Danach freue ich mich einfach über ein paar Trailschuhe, wie ich kein zweites habe. Weitere Informationen hier bei den Brookies.

(Visited 128 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.